Nationalsozialismus und Antisemitismus - Spurensuche in EdenVon Anne-Susanne Mampel
Nationalsozialismus in den heutigen Medien In den letzten Jahren haben sich Lothar Woite und Michael Schwarz öffentlich und kritisch mit dem Verhältnis von Eden zum Nationalsozialismus beschäftigt. Lothar Woite, Filmautor der Nachkriegsgeneration und vielen Edenern bekannt durch seinen Fernsehfilm von 1995 "Der Traum vom Garten Eden", verfolgt von Anfang an das Wirken der Völkischen Idee in der Edener Geschichte. Seine Erkenntnisse gewinnt er aus dem Studium der alten Edener Mitteilungen in Verbindung mit Interviews lang ansässiger Edener. Michael Schwarz, fast eine Generation jünger, Enkel von Elfriede Schwarz, die als Fräulein Tröger Anfang der Zwanzigerjahre an der Edener Schule unterrichtete, verfasste 1981 im Rahmen eines bundesweiten Schülerwettbewerbes im Fach Geschichte eine umfangreiche und preisgekrönte Arbeit zum Thema "Alltag im Nationalsozialismus - Die Anfänge der NS-Herrschaft". Seine Quelle besteht ebenfalls in den Heften der Edener Mitteilungen von 1928 bis 1939. Anhand dieses Materials verfolgt er den Einfluss der Hitlerherrschaft auf das Genossenschaftsleben bis zur vollzogenen Gleichschaltung.
Die Gleichschaltung Das Wort "Gleichschaltung" gehört zur Sprache des Dritten Reiches. Es benennt das Instrument der Machtkonzentration in totalitären Staaten. Was so harmlos klingt wie ein technischer Vorgang - Gleichschaltung - wirkte radikal. Sämtliche politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Organisationen vom Länderparlament bis zum Kindergarten ordneten sich zwischen 1933 und 1934 der Ideologie der einen Partei, der NSDAP, unter. Jede Selbstständigkeit und Eigenart im öffentlichen Leben erstarb. Lediglich die Kirchen ließen sich nicht völlig gleichschalten. Ähnliches geschah später wieder in der DDR, wo die SED als Staatspartei vereinheitlichend alle Lebensbereiche bestimmte, ohne die Vokabel „Gleichschaltung" zu gebrauchen. Woite und Schwarz berichten und urteilen aus der Distanz der Nachgeborenen. Meine Sicht als Zeitzeuge ist eine andere. Neben dem Inhalt der Edener Mitteilungen spielt das persönlich und anschaulich Erlebte eine Rolle. Ich ergänze dies durch Befragung von Altersgenossen. Zweifellos war die geistige Haltung der Edener Gründergeneration beeinflusst vom Gedankengut der Deutsch-Völkischen Bewegung, die Ende des vorigen Jahrhunderts aus verschiedenen Strömungen entstand. Ihr Programm war konservativ, nationalistisch und antisemitisch. Es schloss die Verherrlichung der heimatlichen Scholle ein und gab dem Begriff der Rasse ein neues Gewicht. Im Mittelpunkt des Interesses der Bodenreformer (Adolf Damaschke) und der Freilandbewegung (Alwin Esser) stand ebenfalls der Boden, seine Unveräußerlichkeit und die Bewahrung vor Spekulationen durch gemeinschaftlichen Besitz. Die Berührungspunkte zwischen Bodenreformern und Deutsch-Völkischen war offensichtlich. Da auch der Nationalsozialismus die Bindung an Blut und Boden groß auf seine Fahnen geschrieben hatte, wurde sein Programm von den mehr emotional als politisch urteilenden Edenern anfangs als wesensverwandt freudig begrüßt. Bereits im August 1932, also vor der Machtübernahme Adolf Hitlers, nahm der 1. Vorsitzende des Freilandvereins, Otto Jackisch, Verbindung mit der für Bodenrecht zuständigen Kanzlei im Braunen Haus in München auf. Die folgenden Jahre brachten allerdings außer dem Erbhofgesetz nichts voran im Sinne der Freilandbewegung und Bodenreform. Trotzdem löste sich der Freilandverein am 21. September 1936 auf, "im Vertrauen auf den Führer, der weitere Gesetze folgen lassen würde". Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Vielleicht war das schriftlich niedergelegte Vertrauen 1936 noch echt. Wahrscheinlicher aber ist, dass der kleine Freilandverein seine Machtlosigkeit erlebte, resignierte und sich verspätet "gleichschaltete".
Vorstand der Eden-Genossenschaft 1933 bestand der von den Edener Genossen gewählte Vorstand aus Fritz Hampke, Gustav Danielzick und Otto Willkommen, alle drei seit Jahren im Amte erprobt und bewährt. Fritz Hampke und Otto Willkommen gehörten der SPD an, Gustav Danielzick war parteilos. Wer eine leitende Position innehatte, wurde durch den „Umbruch" - ein Wort aus der Sprache des Dritten Reiches, das sich mit Vorliebe blut- und bodennah ausdrückte, - aufgefordert, der NSDAP beizutreten. Ein SPD-Mitglied war fast so verdächtig wie ein Mitglied der KPD und an verantwortlicher Stelle unmöglich. Fritz Hampke vollzog den Wechsel zur NSDAP. Ihm war es offenbar wichtig, die Geschicke der Genossenschaft weiter in der Hand zu behalten. Sein Parteifreund Otto Willkommen lehnte den Übertritt ab. Er schied damit aus dem Vorstand aus und musste auch die Leitung der Gartenbetriebsabteilung abgeben. Sein Nachfolger wurde der Parteigenosse Otto Henze.
Michael Schwarz vermutet, dass Otto Willkommen aus Altersgründen von seinem Amt zurücktrat. Wie wir jedoch von der Willkommentochter Iris Krüger im Heft 21 der Edener Mitteilungen erfuhren, waren für die Entscheidung des Vaters Gewissensgründe ausschlaggebend. 1945 kehrte seine Stunde zurück. Als unbelasteter und erfahrener Genosse wurde er für die ersten Nachkriegsjahre wieder in den Vorstand gewählt. Gustav Danielzick gelang es bis 1937, parteilos zu bleiben. Dann trat auch an ihn die dringliche Frage heran: Verzicht auf die Funktionen als Vorstandsmitglied und kaufmännischer Leiter der Eden-Betriebe oder NSDAP-Mitgliedschaft? Er wählte letzteres in der Überzeugung, damit im Sinne von Edens Fortbestand zu handeln. Der Erfolg gab ihm Recht: Dank der kaufmännischen Fähigkeiten des Zweiergespanns Hampke-Danielzick in Verbindung mit dem bekannten Edener Fleiß gelangten die Eden-Betriebe zu wirtschaftlicher Stabilität und Blüte schon am Ende der zwanziger Jahre, zu einer Zeit also, da Arbeitslosigkeit und Depression herrschten.
Der Edener Vorstand 1933: Gustav Danielzick, Otto Willkommen, Fritz Hampke
Aufsichtsrat der Eden-Genossenschaft Vorsitzender des Aufsichtsrates war 1933 Otto Jackisch, parteilos und Bodenreformer durch und durch. Ohne die Aktivität dieses verdienstvollen Mannes wäre Eden wohl kaum zu so einem blühenden, gut organisierten Gemeinwesen herangewachsen. Fast 20 Jahre lang und durch wechselvolle Zeiten - von 1903 bis 1922 - setzte er sich als 1. Vorsitzender für die Geschicke Edens ein. Als dann die neugegründete Schwestersiedlung Bärenklau seine Kräfte vermehrt forderte, trat er von diesem Amte zurück, stellte jedoch sich und seine vielfältigen Erfahrungen weiterhin in den Dienst der Genossenschaftsarbeit als Vorsitzender des Aufsichtsrates. Von 1922 an und so lange man das in den Edener Mitteilungen verfolgen kann (bis 1939), leitete er dieses wichtige Gremium. Ob er schließlich auch in die NSDAP eintrat, kann ich nicht sagen. Zu den zwölf Aufsichtsratsmitgliedern gehörten ab 1933 zwei zuverlässige Parteigenossen, Gregor Schneider und Erwin Gäth. 1935 wurden zwei weitere Parteigenossen, der Ortsgruppenleiter Hermann Hedicke und Willi Entreß, dazu gewählt. Nach einer Wahlperiode schieden diese beiden bereits 1938 wieder aus mit der Begründung, sie seien durch die Parteiarbeit zu stark beansprucht. Zur politischen Kontrolle waren offenbar zwei Parteigenossen genug.
Der Edener Aufsichtsrat: Erwin Gäth, Walter Voges, Felix Mertens, Theodor Fette, Gregor Schneider, Otto Jackisch, Otto Henze, Rudolf Kubelka, Curt Lindner, Johannes Lent, Alfred Voigtländer, Friedrich Schneider
Die Rolle von Fritz Hampke Die Persönlichkeit Fritz Hampkes wirkt im Rückblick eigentümlich blass und widersprüchlich. Von Anfang bis Ende seiner Edener Zeit war Hampke Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine, demnach betont religiös gebunden. Wie lässt sich diese christliche Herkunft mit der Zugehörigkeit zur NSDAP vereinen? Für Michael Schwarz ist Hampke Opportunist und hat seine Karriere im Auge. Unter anderem lastet er ihm an, dass er die Eden-Betriebe an den von der Deutschen Arbeitsfront (Einheitsgewerkschaft der NSDAP) veranstalteten Wettbewerben teilnehmen ließ. Sie erhielten dort viermal den 1. und 2. Preis. Da die Eden-Betriebe aber bereits 1902 im Kaiserreich und anschließend in der Weimarer Republik ähnliche Preise bei ähnlichen Anlässen errungen hatten, folgte Hampke in diesem Falle wohl einer Tradition. Wenn er allerdings bei offiziellen Ansprachen das Wort ergreift - wiedergegeben in den Edener Mitteilungen - so klingt es unnatürlich und angestrengt, als gäbe er sich besonders Mühe, für die herrschende Partei den richtigen Ton zu treffen:
. . ."So betrachtete Eden die NSDAP, als politische Freiheitsbewegung, mit großem Interesse; denn es wurde nicht nur der Staat, sondern auch das Volk und endlich auch die Wirtschaft im Angelpunkt erfolgreich angepackt und wird mit starker Hand weitergeführt. . . . Eden blickt freudig in die Zukunft. Es sieht ja in der Aufnahme vieler Reformen in den deutschen Sozialismus, für die Eden gestritten und gelitten, die Verwirklichung seiner eigenen genossenschaftlichen Bestrebungen und Ziele. Darum: Heil Hitler!" . . .
Seine Ausdrucksweise wird nüchterner im Laufe der Jahre. Nach allem, was ich über ihn erfahren konnte, scheint mir Fritz Hampke ein wendiger Geschäftsmann gewesen zu sein, mit einem Gespür für das Vorteilhafte und Machbare. Und damit wurde er tätig im Interesse der Eden-Betriebe. Dazu gehört, dass er zusammen mit Gustav Danielzick 1927 zur Gründung der Neuform VDR (Vereinigung Deutscher Reformhäuser) beitrug, womit er den Absatz der Eden-Waren sicherte. Gewiss, man kann diese kaufmännische Geistesgegenwärtigkeit auch Opportunismus nennen. Zu Hampkes Gunsten möchte ich aber annehmen, dass er, wie so viele andere auch, am Anfang nicht übersah, auf was er sich mit dem Wechsel in die NSDAP einließ. Später spielte er seine übernommene Rolle weiter. Bald nach 1945 verließ er Eden und wurde wieder im Kreis der Herrnhuter Brüdergemeine tätig. So unterschiedlich wie die Vorstandsmitglieder - schnell angepasst Hampke, zögernd Danielzick, widerständig Willkommen - reagierten überall im Lande die Menschen auf die Forderungen der Nazidiktatur. Eden fiel nicht aus dem allgemeinen Rahmen.
Die Jugend marschiert Überall in Deutschland - und Eden bildete da keine Ausnahme - sollten sämtliche Lebensbereiche vom Geist des Nationalsozialismus durchdrungen werden. Wer da nicht mitmachen wollte, musste seinen Platz räumen. In Eden betraf das zum Beispiel Gertrud Quitmann, die Leiterin der Jugendarbeit. Sie ließ sich nicht von der SPD zur NSDAP gleichschalten und war mit einemmal, zur Bestürzung aller Kinder, fort. Ihre sehr viel jüngere Nachfolgerin Ursel Dobberke stand der neuen Zeit und ihren Erziehungsgrundsätzen aufgeschlossener gegenüber. Das traf auch auf den neuen Schullehrer Fritz Zeitschel zu. Ihn sah man oft in Uniform. Er führte innerhalb seines Wirkungskreises den Deutschen Gruß ein, die ausgestreckt erhobene Hand zum „Heil Hitler". Mit dem Schlagwort „Die Jugend ist unsere Zukunft" eroberte und veränderte der Nationalsozialismus nach und nach die bereits vorhandenen Strukturen im Bereich von Erziehung und Kultur. Die einzig zugelassene Jugendorganisation wurde die Hitlerjugend. Alle anderen Gruppierungen wurden verboten und aufgelöst, so auch der in Eden existierende Wandervogelverband, dem der größte Teil der Jugend angehörte. Welch Verlust an weltanschaulicher Freiheit das war, konnten mehr unsere Eltern als wir Kinder einschätzen. Für ein bis zwei Jahre trat die Deutsche Turnerjugend an die Stelle des Wandervogels. Zuletzt noch veranstaltete sie im Frühjahr 1934 unter Gertrud Quitmann einen bunten Jahrmarkt, dessen Erlös eine große Sommerfahrt der Jugend mitfinanzieren sollte. Diese Fahrt fand nicht mehr statt. Die Turnerkinder wanderten ab in die attraktiver erscheinende Hitlerjugend. Sport konnte man dort ja auch treiben. Ich erinnere mich noch gut, wie ich zuhause jammerte und nörgelte, weil meine Freundinnen sich allwöchentlich bei den Jungmädeln (weibliche Hitlerjugend von 10 bis 14 Jahren) trafen und darüber auf dem Schulweg sprachen. Ich fühlte mich ausgeschlossen und wollte doch so gern weiterhin mit Gleichaltrigen zusammen sein wie zu Zeiten des Nestes. Schließlich erhielt auch ich die Erlaubnis, bei den Jungmädeln einzutreten, bekam wie alle eine Uniform, bestehend aus dunklem Faltenrock, weißer Bluse, schwarzem Schlips mit Lederknoten und einer Kletterweste, die leider nicht braun, sondern grau war, sodass ich im braunen Meer nicht untergehen konnte. So ausgerüstet übten wir während des „Dienstes" das Antreten der Größe nach, das Abzählen und Marschieren. Dazu sangen wir jetzt kämpferische Lieder der Bewegung, seltener unsere Wanderlieder. Das war neu und erinnerte ans Militär. Neu war auch, dass uns nun nur wenig ältere, für diese Aufgabe politisch geschulte Edener Mädchen führten. Der Dienst in der Hitlerjugend sollte uns in jeder Hinsicht ertüchtigen für Führer und Vaterland. Den nachhaltigsten Eindruck aus dieser Zeit hinterließ bei mir das Marschieren in großer und kleiner Formation, zur Übung durch Eden oder nach Oranienburg zu einer NS-Veranstaltung. Der gemeinsame Marsch verband auf geheimnisvolle Weise den Einzelnen mit der Masse. Sogar in der NS-Lyrik schlug sich dies offenbar allgemeine Erleben in Versen nieder (Heinrich Anacker: Die Magie der Viererreihen). Rückblickend stelle ich dennoch fest, dass wir Edener Kinder durch die Wandervogelzeit mit den schönen Fahrten in die nahe und weite Umgebung bereits so geprägt und eingestimmt waren, dass die Hitlerjugend mit der betonten Pflege von Gemeinschaftssinn und Kameradschaft für uns weder ganz Neues noch Unbekanntes brachte. Erwartete der Wandervogel keine einheitliche, politische Richtung, so sollten wir nun gesinnungsmäßig eingeschient und ausgerichtet werden. Einige Mädchen mögen voll echter Begeisterung dabei gewesen sein. Die meisten machten einfach mit, manche auch nicht, denn - man mag es glauben oder nicht - es gab auch im Edener JM und BDM Karteileichen!
Die Jugend marschiert
Was vom Edener Geist und Brauchtum blieb Filmemacher Lothar Woite (Der Traum vom Garten Eden) würde hier bemerken, dass die Edener Jugend durch den Einfluss der Deutsch-Völkischen Bewegung für den Nazismus vorprogrammiert war, nicht bedenkend, dass die Eltern dieser Jugend als Neusiedler nach dem Ersten Weltkrieg andere Ideale hatten als die Gründergeneration. Viele entstammten der Jugendbewegung, die weder konservativ noch antisemitisch war. Entsprechend heißt es in Punkt 3 der Genossenschaftssatzung dieser Zeit zur Mitgliedschaft „dass jeder Eintretende sich in beständiger Selbsterziehung einer veredelten Lebensführung befleißigt und die Grundsätze naturgemäßer Lebensweise zu befolgen bestrebt ist". Unter diesem lebensreformerischen Motto waren unsere Eltern nach Eden gekommen, und in diesem Sinne hatten sie uns Kindern bereits grundlegende Werte vermittelt, z.B. die Verbindung von Individualismus und Toleranz, - kaum die günstigste Voraussetzung für eine stramme Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend. Als Beispiel für die Vielfalt im geistigen Leben seien die unterschiedlichen, nebeneinander existierenden Weltanschauungen genannt: Eine große Anzahl der Edener Genossen gehörte der damals gespaltenen, evangelischen Kirche an, entweder den Deutschen Christen, von den Nationalsozialisten protegiert, oder der Bekennenden Kirche, die Widerstand zu leisten wagte. Außerdem lebten in Eden Alt-Lutheraner, Anthroposophen, Buddhisten, Herrnhuter, Katholiken, Atheisten, Materialisten, Freidenker und nicht zuletzt Anhänger der Deutschen Glaubensbewegung, die das Germanentum und deren Gottheiten verehrten und in der Völkischen Idee beheimatet waren. Sie zählten zu den überzeugten Nationalsozialisten. Das alles bestand nebeneinander, oft in der Stille, da manche Richtung nur geduldet oder gar verboten war. Es konnte jeder nach seiner Fasson selig werden. Die Edener Feste blieben bis in die ersten Kriegsjahre erhalten, da die Nazis die Pflege des Brauchtums unterstützten. Es änderte sich der Ton der Ansprachen, die an irgendeiner Stelle stets den Führer Adolf Hitler priesen. Wer hätte während der Weimarer Jahre anlässlich der Edener Feste der Regierung gedacht? Die alten Fotos zeigen, dass im Festzug auf alle Fälle die Jungen in der HJ-Uniform marschierten. Uns Mädchen sieht man nach wie vor in Volkstanzkleidung, wahrscheinlich, weil wir innerhalb des Festprogramms stets um Maibaum oder Erntekrone tanzten. Für die Sonnenwendfeier trat die ganze Jugend in Dienstkluft an, und um den flammenden Holzstoß geschart, sangen wir vaterländische Bekenntnislieder nach alter und neuer Weise. Dahinter trat die Feier von Natur und Jahreskreis zurück.
Festzug in Eden
Ausbreitung der NSDAP in Eden - Auswirkung auf die Edener Mitteilungen War die Haltung der älteren Generation kritischer als die der Jugend? Bereits im Mai 1933 bildete sich die nationalsozialistische „Edener Zelle", bald darauf die Ortsgruppe Eden unter Führung von Hermann Hedicke. Ich muss zugeben, dass ich die Mitgliederzahl nur schätzen kann. Waren es 50, waren es 100 Mitglieder? Die Überzeugten und Aktiven unter ihnen erkannte man, weil sie bei offiziellen Anlässen in brauner SA-Uniform auftraten. Weniger auffällig waren die Mitläufer, die das Parteibuch brauchten, um ihre Stellung zu behalten. Schließlich wurde jeder berufstätige Mensch ungefragt in die Deutsche Arbeitsfront (Einheitsgewerkschaft der NSDAP) eingegliedert, die „Arbeiter der Stirn und der Faust", wie sie damals hießen, so gut wie die Betriebe, auch die Eden-Betriebe, dazu alle gesellschaftlichen und kulturellen Vereinigungen, z.B. die Edener Heimatbühne. Bald sprach der neue Geist auch aus den Edener Mitteilungen. Die Texte aus den Jahren 1933 bis 1939 sind oft von einem Pathos getragen, das uns heute falsch und unglaubwürdig in den Ohren klingt. War die Sprache der frühen Reformer bereits eher blumig, so tendierten nun die offiziellen Berichte und Ansprachen durchweg zum kämpferischen und heldischen Stil, in der Wahl der Worte beschränkt. Wer nun die Mitteilungen dieser Jahre als zeitgeschichtliche Quellen benutzt, wie Woite und Schwarz, darf nie vergessen, dass die Presse seit Beginn der Nazi-Diktatur gelenkt war, keineswegs frei. Erlaubt und an der Tagesordnung war nur eine Geisteshaltung, die der NSDAP. Und diese galt es ständig zu wiederholen und zu bekräftigen. Was damals in den Edener Mitteilungen veröffentlicht wurde, zeigt das angepasste Äußere einer gehorsamen Truppe. Die innere Wirklichkeit der Edener Bevölkerung, mit Sicherheit vielgestaltiger und interessanter als der Inhalt der Hefte, blieb verborgen. Nach dem Weihnachtsheft 1939 wurde das Erscheinen der Edener Mitteilungen ohne Erklärung oder Abschied eingestellt. Ob das in freiwilligem Rückzug geschah, weil die Einengung empfunden wurde, oder auf Befehl, da mit Kriegsbeginn auch das Papier für Druckerzeugnisse rationiert wurde, wird nicht mehr zu klären sein. Ohnehin versiegte das Kulturleben im Laufe der Kriegsjahre.
Letzte Ausgabe der Edener Mitteilungen
Widerstand - ja oder nein? Von offenem Widerstand in Eden ist mir nichts bekannt. Inneren Widerstand gab es bestimmt bei zahlreichen Menschen, die mit Trauer ihre lebensreformerischen Ideen verkümmern sahen. Man hielt sich jedoch schweigend zurück, denn Kritik am Regime galt als „zersetzend" und wurde insbesondere während des Krieges von der Gestapo schnell geahndet. Es lebten in der Siedlung weiterhin die ehemaligen Mitglieder von KPD und SPD, einige hatten Haftstrafen im Zuchthaus oder KZ verbüßt. Es lebten dort Anhänger von Sekten und Vereinigungen, die gleich nach der Machtübernahme verboten worden waren. Längst nicht alle ließen sich von dem neuen Glauben an Führer und Vaterland betören. Die meisten versuchten, unauffällig durchzukommen, angstvoll oft, und überstanden so die zwölf Jahre des tausendjährigen Reiches. Als prominentes Beispiel möchte ich die unvergessliche Anna Rubner erwähnen, die Gründerin und Leiterin der Edener Heimatbühne. Wer ahnte schon hinter ihren temperamentvollen Ausführungen in den Edener Mitteilungen die Kommunistin, die sie in ihrem Herzen stets war und blieb? Wie auf der Bühne, so spielte sie auch im Leben Theater aus Sorge um die berufliche und familiäre Existenz. Die meisten Edener durchschauten das wohl, und einige nahmen mit Vergnügen die Oase im Musentempel wahr, wo man sich am Sonntagvormittag traf, meist in der Küche, und zwanglos witzige und oft auch ketzerische, „zersetzende" Gespräche führte. Wer weiß, ob hin und wieder nicht auch ein Spitzel dabei war?
Jüdische Familien in Eden Bereits 1907 ließ sich der Schriftsetzer Erich Wolff mit seiner Frau Adele, geb. Blumenau, am Edener Nordweg nieder. Die Kinder Helmut, Paul und Helene wurden in Oranienburg geboren und wuchsen in Eden auf. Beide Ehepartner waren Juden, beide wurden Genossenschaftsmitglieder. Auf ihrem Antragsformular beantworteten sie die Frage der Religionszugehörigkeit mit „Dissident", d.h. sie fühlten sich an kein Glaubensbekenntnis und keine Kirche gebunden. In Heft 22 der Edener Mitteilungen hat Frau Eisenberger im Rahmen der Nordwegbegehung die Geschichte der Familie nach den Genossenschaftspapieren und Berichten von Zeitzeugen sorgfältig und genau erzählt. Am Lönsweg bearbeitete ab 1917 der Mechaniker und Edener Genosse Robert Schulz aus Berlin drei Heimstätten. Seine Frau Ella, geb. Erz, war jüdischer Abstammung. Ihre Tochter Margot, 1919 oder 1920 geboren, war demnach Mischling ersten Grades. Ein weiteres „gemischtes" Paar waren Berthold und Paula Löff. Hier war der Ehemann jüdischer Abstammung. Berthold Löff zog 1924 als 51-jähriger, lediger Beamter von Berlin nach Eden an den Westweg, wurde Genosse und heiratete im Jahr darauf die wesentlich jüngere Paula Füger. Das Paar hatte keine Kinder. Allen Edenern bekannt sein dürfte der Bildhauer Wilhelm Groß und seine in Eden ansässige Familie. Von 1919 an lebte und arbeitete er in Eden. In Heft 12 der Edener Mitteilungen hat Maugli Rubner seine Biografie skizziert. Wilhelm Groß hatte einen jüdischen Vater. Seine sechs Kinder, zwei Mädchen und vier Jungen, galten nach den Normen der Nürnberger Gesetze als „Mischlinge zweiten Grades“. Als überzeugter evangelischer Christ wurde Groß aktives Mitglied der Bekennenden Kirche, damals unter der Leitung von Pfarrer Martin Niemöller, der als "persönlicher Gefangener" von Adolf Hitler acht Jahre im KZ Oranienburg bzw. in Dachau verbringen musste. Im Gegensatz zu den Deutschen Christen lehnte die Bekennende Kirche Zugeständnisse an die Nationalsozialistische Ideologie ab.
Auswirkungen der Nürnberger Gesetze auf das Genossenschaftsleben 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, feierte Eden seinen 40. Geburtstag. Die Edener Mitteilungen erschienen dazu als Festnummer. Das ansehnliche Heft enthielt u.a. auszugsweise die (noch) gültigen Satzungen der Genossenschaft. Da heißt es zur Mitgliedschaft: "Aufnahmefähig sind Personen beiderlei Geschlechts, welche die Satzungen der Genossenschaft schriftlich als bindend anerkennen. Außerdem gilt als Voraussetzung zur Erwerbung der Mitgliedschaft, dass jeder Eintretende sich in beständiger Selbsterziehung befleißigt und die Grundsätze naturgemäßer Lebensweise zu befolgen bestrebt ist." Der letzte Satz ist so wesentlich, dass er oft im Zusammenhang mit dem genossenschaftlichen Leben zitiert wird. Im Jahr 1938 zählte der NS-Staat fünf Jahre, Eden wurde 45 Jahre alt. Wieder erschienen die Edener Mitteilungen als festliche Ausgabe mit mehrfarbigem Titelblatt. Und wieder wurde die Genossenschaftssatzung, ganz offensichtlich überarbeitet, auszugsweise vorgestellt. Jetzt heißt es zur Mitgliedschaft: "Die Mitgliedschaft können erwerben: a.) Alle Personen arischer Abstammung, die sich durch Verträge verpflichten können; b.) juristische Personen privaten und öffentlichen Rechts." Alles Folgende ist im Wesentlichen unverändert. So wurde den 1935 verkündeten Nürnberger Gesetzen Rechnung getragen. Hätte der Freilandverein sich nicht bereits 1936 aufgelöst, wäre auch er gezwungen gewesen, in seine Satzungen den so genannten Arierparagrafen aufzunehmen. Diese Aussicht mag zum Auflösungsbeschluss beigetragen haben, denn dem Verein gehörten bereits seit 1925 die Eheleute Wolff als tätige und respektierte Mitglieder an. Adele Wolff war schon 1926 gewähltes Mitglied des Aufsichtsrates, Erich Wolff ihr Vertreter in diesem Amt. Als Vertreterin des Freilandvereines wird Adele Wolff 1930 in dem Bericht zur festlichen Einweihung des neu erbauten Genossenschaftshauses erwähnt. Sie überbringt Gruß- und Dankesworte. Unter dem Auflösungsbeschluss von 1936 findet sich - aus welchen Gründen auch immer - ihr Name nicht mehr. Wir Kinder erlebten den von oben befohlenen Antisemitismus deutlicher. So lange die Edener Wandervogelgruppe bestand, gehörten die Kinder aus den Familien Wolff und Groß selbstverständlich dazu. Innerhalb dieser Gemeinschaft gab es keine Unterschiede zwischen Juden und Ariern. Das Bewusstsein dafür wurde erst 1933 durch den neuen Rassismus geweckt. Hier muss noch einmal der Verantwortlichen für die Jugendarbeit, Gertrud Quitmann, gedacht werden, die, mit Blick auf die 13-jährige Helene Wolff liebevoll-mahnend eindringlich ernste Worte an die Gruppe der älteren Mädchen richtete, appellierend an deren Gemeinschaftssinn und Toleranz. Mit der Auflösung und dem Verbot des Wandervogels 1934 war dieser freie Begegnungsraum für die Jugend dahin, denn in die neu geschaffene Hitlerjugend wurden Juden und Mischlinge nicht aufgenommen. Der von Lotte und Oskar Ledel geleitete Volkstanzkreis scheint anfangs nur lose zur Hitlerjugend gehört zu haben, denn wenigstens Margot Schulz war an den wöchentlichen Tanzabenden anwesend, auch beim Tanz um die Erntekrone. Wie lange das möglich war, weiß ich nicht genau zu sagen. Genau weiß ich, dass Margot bei den weihnachtlichen Aufführungen der Edener Heimatbühne, wenn wir Kinder auch unsere darstellerischen Fähigkeiten erproben durften, regelmäßig mitspielte. Zuletzt schlüpfte sie am Jahresende 1935 anlässlich der Aufführung von Schillers „Turandot“ in Rolle und Kostüm eines gelehrten Doktors. Ja, Anna Rubner war großzügig und gewiss keine Antisemitin. Es kam ihr überhaupt nicht in den Sinn, dass die Musik des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy arische Ohren vergiften könnte, und so gab es Aufregungen und Konfusionen für alle Beteiligten, als kurz vor der Aufführung des „Sommernachtstraumes“ von Shakespeare bekannt wurde, dass die Mendelssohn'sche Begleitmusik dazu von der zuständigen Behörde nicht genehmigt worden war.
Auswirkungen der Nürnberger Gesetze auf das Schicksal der jüdischen Familien Für die Familie Wilhelm Groß bedeuteten die Nürnberger Gesetze außer der erwarteten und befürchteten sozialen Isolierung vor allem eine Existenzfrage. So war es vom NS-Staat auch geplant: die Juden sollten Not und Hunger leiden, ja ausgerottet werden. Waren die „arischen“ Künstler in der Reichskulturkammer organisiert, so wurde Wilhelm Groß die Aufnahme verwehrt. Seine Werke wurden als „entartet“ diffamiert, Teilnahme an Ausstellungen und Veröffentlichungen waren ihm verboten. Als Auftraggeber und Käufer seiner Plastiken, Zeichnungen und Holzschnitte können damals nur die Kirche und Privatleute in Frage gekommen sein - immer in einer Art Grauzone. Es ging knapp zu in der achtköpfigen Familie, und die intensive Bearbeitung des Gartens muss unerlässlich gewesen sein. Wenn auch Verwandte, Freunde und Nachbarn Beistand leisteten - der Alltag blieb schwierig und der Lebensweg der Kinder von Einschränkungen bestimmt. Die Eheschließung mit einem „Arier/in“ war auch ihnen gesetzlich verboten, was schmerzlichen Verzicht bedeutete. Die Ausbildungsmöglichkeiten waren begrenzt, ein Studium bzw. ein Examen ohne Nachweis der arischen Großmutter nicht möglich. Möglich war dagegen das Soldatsein bei Kriegsausbruch. als die älteren Söhne Peter und Christoph eingezogen wurden. Christoph ist, wie wir wissen, gefallen - eines der Millionen sinnloser Todesopfer in dem Angriffskrieg seines Landes, dessen Regierung seinen Eltern und Geschwistern den Lebensatem abwürgen wollte. Welch ein Wahnsinn! Die Mehrzahl der Menschen in der Eden-Siedlung verhielt sich solidarisch bis neutral-zurückhaltend. Wenn politisch bedingte, feindliche Strömungen vorhanden waren, so habe ich - jedenfalls in meinem Umfeld - davon nichts erfahren. Nach dem Zusammenbruch und Kriegsende war das Groß‘sche Haus das Erste, das sich unter bescheidenen Umständen mit kulturellen Angeboten wieder öffnete. Wie haben wir die Musiknachmittage mit Otto Rausch genossen - ein Labsal in chaotischen Zeiten! Spät noch erfuhr Wilhelm Groß Anerkennung für seine Lebensleistung auf dem Gebiet von bildender Kunst und Theologie. 1958, anlässlich seines 75. Geburtstages, verlieh ihm die Theologische Fakultät der Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde - nach dem Kriegsende übte er als Laie das Amt eines Predigers aus. Auch die Familie Robert Schulz war von dem Blutschutzgesetz existenziell betroffen, denn zum Lebensunterhalt trug die jüdische Frau Ella durch die Versorgung der kleinen Edener Post bei. Das war eine staatliche Einrichtung, die ob 1933 keine Juden mehr beschäftigte. Für einige Jahre wechselte der Posten auf den Ehemann über, was sicher eine genossenschaftliche Regelung war. Das Arrangement währte nicht lange. Robert Schulz trennte sich nicht von seiner Frau, was er nach dem Blutschutzgesetz leicht hätte tun können, und bewahrte sie durch seine Treue vor späterer Deportation. Die kleine Familie blieb nun vorwiegend im Schutz ihrer Gartenhecken. Auf den wenig belebten Edener Wegen traf man sich sowieso selten, aber Schulzens, besonders Frau Schulz, sah man nie. Nur im Verborgenen konnte man ihnen beistehen, was vor allem dem Bäckermeister Rudolf Reinecker nachgesagt wird. Besonders leidvoll traf es die Tochter Margot, ein wohlgestaltetes Mädchen von brünettem Typ, mit dicken Haarflechten, dunklen Augen und, wie mir schien, zurückhaltenden Wesens. Als Halbjüdin muss sie, erlebnisfreudig wie jeder junge Mensch, noch dem Wirksamwerden der Nürnberger Gesetze ein ziemlich abgesondertes Leben geführt haben, denn Geschwister waren nicht im Hause, und das Zusammensein mit Gleichaltrigen in einer Jugendorganisation entfiel, da es nur die eine, nationalsozialistische gab. Bei dem Gärtner Abdon Poepke fand sie eine Lehrstelle und arbeitete auch nach dem Abschluss der Ausbildung weiter in diesem Betrieb. Selten begegnete man ihr unterwegs in Arbeitskleidung auf dem Fahrrad. Und was wurde aus ihr nach dem Kriegsende, als Juden und Mischlinge sich wieder frei in der Öffentlichkeit bewegen konnten? Ich wusste es nicht und erhielt viele, sehr unterschiedliche Auskünfte. Der eine berichtete von kümmerlichem Überleben hinter Hecken, der andere von einem frühen Tode. Es wurden unterschiedliche Todesursachen angegeben. Endgültiges fand ich in den Genossenschaftsakten. Auf einem kleinen Zettel teilt der Vater der Genossenschaft mit, dass seine Tochter Margot am 6. Juni in seinem Haus am Lönsweg verstorben ist. Die Angabe des Jahres fehlt. Der Einordnung des Zettels nach dürfte es 1941 oder 1942 gewesen sein. Ich zweifle nicht daran, dass Margot Schulz letztendlich ein Opfer der Nürnberger Gesetze wurde. Der Vater Robert Schulz starb nach dem Kriege in Eden. Die Mutter Ella Schulz zog einige Jahre später zu einer Schwester nach Berlin. wo dann auch ihr Leben endete. Es sieht so aus, als hätte sie weiterhin an den jüdischen Gebräuchen gehangen, vielleicht auch an dem Glauben. Das Ehepaar Löff trat in der Edener Öffentlichkeit wenig in Erscheinung. Berthold Löff, ein kleiner Mann von unruhiger Beweglichkeit, versah 1924, als er sich in Eden am Südweg 192/193 niederließ, noch seinen Dienst als Beamter. Welche Funktion er ausübte, ist mir nicht bekannt. Sein Gehalt war jedenfalls auch für damalige Zeiten recht klein. Geldschwierigkeiten kamen häufig vor. Die zwei Heimstätten muss vorwiegend die große kräftige und offenbar sehr tüchtige Paula Löff bearbeitet haben. Zusätzlich versuchte sie, erst ein Kinderheim, später ein vegetarisches Erholungsheim, den Rosenhof, einzurichten. Diesen Plänen stimmte die Genossenschaft nicht zu. In Erinnerung blieb uns Edener Kindern nur ein kleines, spilleriges Mädchen, das bei uns Lottchen Löff hieß, aber wohl nur ein Pflegekind für einige Jahre war. 1936 versuchte Frau Löff, offenbar unter dem Druck der Nürnberger Gesetze, Genossenschaftsmitglied zu werden. Es gelang ihr nicht. Doch übernahm sie 1938, nachdem ihr Mann wegen seiner jüdischen Abstammung aus der Genossenschaft ausgeschlossen wurde, seine Erbpachtrechte. Vom 17.11.1938, eine Woche nach der so genannten Reichskristallnacht, findet sich ein Aktenvermerk über einen Vorstandsbeschluss nach einer Unterredung des 1. Vorstandsvorsitzenden Fritz Hampke mit Frau Löff, die gebeten wird, die Lebensmitteleinkäufe im Konsum nicht mehr ihrem Mann zu überlassen, außerdem darauf zu achten, dass er, Berthold Löff, sich möglichst nur im nächsten Umkreis der Heimstätte aufhielte. Es sollten auch keine Juden mehr im Hause aufgenommen werden. Der Vermerk ist kurz und sachlich gehalten, von Fritz Hampke unterzeichnet und von den beiden anderen Vorstandsmitgliedern gegengezeichnet. So wurden die inzwischen verschärften Ausführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen weitergegeben in - denkt man an die lautstarke, antisemitische Propaganda - nüchterner, fast beratender Weise. Nicht alle Edener waren so zurückhaltend-tolerant. Die Denunziation eines vom Nationalsozialismus überzeugten Genossen, es verkehrten weiterhin Juden bei Löffs, wird 1939 auch in den Akten vermerkt. Frau Löff hat ebenfalls zu ihrem jüdischen Ehemann gehalten. Dass sie 1952 in Eden starb, ist bekannt. Was aber war inzwischen aus Berthold Löff geworden? Bis 1938 war seine kleine Gestalt, zum Einkaufen mit einem großen Rucksack unterwegs, eine vertraute Erscheinung auf den Edener Wegen. Danach war sie wie vom Erdboden verschwunden. Aus den Akten ist nichts zu erfahren. Nach vielen Befragungen fand sich eine alte Edenerin, die zu berichten wusste, dass ein ihr bekannter Ofensetzer in den ersten Nachkriegsjahren in Ausübung seines Berufes den alten Herrn Löff lebend in seinem Haus getroffen hat. Mit der Familie Wolff verbinde ich persönliche Erinnerungen, denn bald nach unserem Umzug von Dortmund nach Eden im Jahr 1929 hatte sich mein Vater mit der Familie Wolff angefreundet. So lag es wohl nahe, dass meine Schwester und ich um Ostern 1931 während der Abwesenheit beider Eltern dort in Pension gegeben wurden. Mein Vater schätzte die Juden besonders und hatte uns entsprechende Hinweise zu unserem Aufenthalt in der Familie gegeben. Ich weiß noch gut wie neugierig ich meine Umgebung am Nordweg beobachtete, weil ich herausfinden wollte, ob und wieso Juden anders wären als Nicht-Juden. Die Bezeichnung „Arier“ war uns damals noch nicht geläufig. Ich konnte nichts Auffallendes entdecken. Den Vornamen „Adele“ kannte ich nicht, fand ihn sonderbar, und rief ihn kichernd durch das schöne Wolffsche Haus, das mir noch unserer kleinen Mietwohnung am Südweg sehr geräumig erschien. Die Jungen Helmut und Paul, Schüler von 17 und 14 Jahren, kamen mir fast schon erwachsen vor. An der 10- oder 11-jährigen Helene bewunderte ich das rotblonde, krause Haar, das unter Widerstreben und Tränen allmorgendlich vor der Schule gekämmt und geflochten wurde. Da Helene mir im Alter drei Jahre voraus war, ergaben sich keine bleibenden Verbindungen, zumal die Familie Wolff bald nach 1933 immer weniger in der Öffentlichkeit zu sehen und zu hören war. In der Druckerei Paul Beck arbeiteten Erich Wolff und mein Vater jahrelang zusammen, Erich Wolff als Schriftsetzer, mein Vater als Schriftleiter des Neuform-Fachblattes. Die Druckerei war ein Privatbetrieb, und Herr Wolff behielt auch nach 1938, als die antisemitischen Ausgrenzungen zunahmen, dort seinen Arbeitsplatz. Allerdings hatte er seine Aufgaben ohne Kontakt mit den arischen Volksgenossen zu erledigen. Theoretisch wurde diesen Bedingungen entsprochen. Neben dem großen Redaktionsraum gab es einen kleinen, separaten Arbeitsraum für den Schriftsetzer. Mir fiel dies nicht als etwas Trennendes auf, wenn ich meinem Vater Kaffee und Brote brachte, denn die beiden Männer sprachen ja miteinander, und bei Tisch zuhause erwähnte Vater hin und wieder die Ansichten und Bedenken des Herrn Wolff, in den letzten Jahren sehr besorgt. Wir Jungen kannten das Blutschutzgesetz. Von den Ausführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen war uns kaum etwas bekannt. Und dieser Mangel an Detailwissen muss verbreitet gewesen sein. Bezeichnend dafür ist ein Erlebnis von Gretel Schafft geb. Heimbrecht, die bei einem kurzen Heimatbesuch Anfang des Krieges auf dem stillen Oranienburger Friedhof zufällig Frau Wolff erblickte, auf sie zuging. Sie begrüßen, mit ihr sprechen wollte, jedoch mit dem warnenden Hinweis: „du bekommst nur Schwierigkeiten, wenn uns jemand zusammen sieht“ - von dieser daran gehindert wurde. Das Auge der Partei war eben überall, und es wachte bestimmt streng über Ein- und Ausgang des Hauses am Nordweg, mit Sicherheit nach dem 1.9.1941 über das vorschriftsmäßige Tragen des Davidsterns. Nie bin ich in Eden einem „Sternträger“ - so nannten sich die Juden selbst mit bitterem Humor - begegnet, auch keiner der von mir Befragten erinnert sich daran. Ella Schulz und Berthold Löff. die, ebenso wie Wolffs, zu dieser diffamierenden Kennzeichnung gezwungen waren, sah man einfach nicht mehr. Ihre arischen Ehepartner übernahmen den notwendigen Außendienst. Wolffs sahen ihre Deportation schließlich voraus. Nur die frühzeitige Emigration hätte sie davor bewahren können. Und dazu entschlossen sich nur die Söhne. Die Eltern waren wohl zu sehr in ihrem Lebenskreis verwurzelt, aus dem sie zweifellos viel Beistand erfuhren, den aber auch die Angst vor Denunziation und Gestapomaßnahmen umklammerte. So ordneten sie ihre Hinterlassenschaft. Beide Wolffs waren mit Wirkung vom 31.12.1938 aus der Genossenschaft ausgeschlossen worden. Sie besaßen aber noch ihr Haus und das Erbbaurecht. Am 5.11.1941 wurde notariell vereinbart, dass Fritz Hampke ihr zukünftiger Treuhänder sein sollte. Von 1942 bis 1947 hat er dann zuverlässig ihre Vermögensinteressen vertreten. Im Schriftverkehr um diesen Vorgang fällt wieder - wie schon im Falle Berthold Löff - sein nüchtern-überlegter, sachlich bestimmter Stil auf, frei von den damals üblichen, zackigen Redewendungen und ideologischen Klischees - auch ein Teil seines nachträglich schwer fassbaren Wesens. Nach der Wannseekonferenz vom 20.01.1942 wurde die systematische Vernichtung der Juden beschleunigt. Das Ehepaar Wolff, Adele 60 und Erich 64 Jahre alt, sollte am 14.04.1942 mit einem Sammeltransport die Heimat in Richtung Osten verlassen. Drei Wochen vorher machten sie ein gemeinsames Testament zu Gunsten ihrer Tochter, die noch keine Ausweisung hatte. Die 22-jährige Helene jedoch, als Schwester im Jüdischen Krankenhaus Berlin dank ihrer Berufsarbeit weniger isoliert als die Eltern in Eden, mag einige Kenntnisse gehabt haben von dem, was die Eltern erwartete. Sie wollte sich nicht von ihnen trennen und begleitete sie freiwillig auf der Fahrt, die - soweit man erfuhr - in Warschau endete. Dort verlor sich ihre Spur. Als ich während eines Besuches im Jahre 1942 nach Wolffs fragte, erhielt ich die Antwort: „Sie sind abgeholt worden. Helene ist mitgegangen.“
Wo stehen wir heute? Eden in der Zeit des Nationalsozialismus - das ist ein winziger Ausschnitt deutscher Geschichte. Der Antisemitismus fand hier wenig Nahrung, Nürnberger Gesetze und Holocaust wirkten sich dennoch erschreckend nachhaltig aus. Während meiner Recherchen wurde mir klar, dass alle damals in Eden lebenden Juden ohne Nachkommen blieben, Es gibt auch keinen einzigen neuen, jüdischen Genossen - ein Spiegel der Verhältnisse heute. In der alten Bundesrepublik lebten 1963 nur noch 30.000 Juden. Inzwischen dürfte die Zahl etwas gewachsen sein. Aber 1925 waren es immerhin noch 564.000! Emigration und Konzentrationslager dezimierten die jüdische Bevölkerung unwiederbringlich. Die Fragen nach der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Verbrechen sind heute wieder aktuell. Es ist die Generation der Nachgeborenen, die die Ereignisse jetzt aus der Perspektive der Historie betrachtet und zu erforschen sucht. Täter und Opfer aus dieser Zeit, soweit sie noch leben, bleiben eher schweigsam, ist doch die Aufarbeitung oft schmerzlich. Auch mir, die ich vorhatte, lediglich Bericht zu erstatten, ist die kritische Vergegenwärtigung der dunklen Seiten eines Zeitabschnittes, der im Rückblick vergoldet erscheint, nicht immer leicht gefallen. Und doch halte ich diese Mühe ganz allgemein für notwendig, damit zukünftig eine gesunde Entwicklung von Menschen und Gemeinwesen möglich ist. Nur so lassen sich Wiederholungen vermeiden.
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Eden
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