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Ergänzungsbericht für die „Edener Denkschrift“

Von Fritz Hampke, 1924

 

Wer die Vorseiten mit regem Interesse und sozialem Verständnis gelesen hat, der muss mit uns aufrichtig erkennen, dass Eden in seiner 31jährigen Lebenszeit seinem Ziel als Siedlung nahe gekommen ist. Eden hat seinen Genossen Heimat, Arbeit und Jugend gegeben. Damit hat Eden seine Aufgabe nach bestem Können gelöst. Dass nicht alles Gewollte und Geplante lebensfrisch Wirklichkeit geworden ist, liegt in der Zeit und der Gesinnung der Menschen.

 

Ich glaube auch nicht, dass die neuen Siedlungen das Gewollte und Geplante durchführen können. Es liegt nicht alles im menschlichen Können, denn das Naturgesetz ist stärker. Weil aber sehr oft gegen das Naturgesetz verstoßen wird, ist eine zeitweilige Änderung der Satzungen auf Grund organischer Entwicklung unvermeidlich. Wer das nicht rechtzeitig als Träger oder Führer einer Gemeinschaft zu erkennen vermag, wird große Schwierigkeiten in seiner Arbeit bekommen, und das Werk muss darunter leiden. Die Gesinnung der Mitglieder oder Genossen muss also stets in Satzungen und Beschlüssen zum Ausdruck kommen. Man soll aber niemals mehr verlangen, als zurzeit wirklich gegeben werden kann.

 

Edens Wertbeständigkeit liegt nun darin, dass die Genossenschaft ihren Mitgliedern nach jeder Richtung hin wirtschaftliche und geistige Freizügigkeit einräumt. Tut das eine Siedlung nicht, so ist nach meiner Meinung der Zweck des Umsiedelns von Stadt nach Land verfehlt. Unser Freund Ulbricht hat in seinem Aufsatz über unsere Siedlung schon gefragt, aus welcher Herren Länder und mit welchen Weltanschauungen und Glauben die Mitglieder zu uns gekommen sind. Es ist aber doch angebracht, unseren Genossen und Freunden da draußen mitzuteilen, in welchem Verhältnis sich die Berufe unserer Siedler zusammensetzen.

Eden hat jetzt auf rund 440 Morgen 200 Siedler angesetzt und zwar bestehend aus 173 Familien mit 195 z.Zt. noch anwesenden Kindern und 27 Alleinstehenden. Diese wohnen in 193 Siedlungshäusern, die alle nach den Wünschen der Siedler und mit Hilfe der Edener Siedlungsbank errichtet worden sind. Die Heimstätten mit ihren Häuschen zeigen schon äußerlich die Eigenart der Bewohner. Rechnen wir die Helfer und Besucher in den Familien und im Sanatorium hinzu, so mögen rund 700 Köpfe in Eden gezählt werden. Die Siedler setzen sich aus folgenden Ständen zusammen:

27 v.H. sind freiwillige Rentner, d.h. sie haben seinerzeit ihre Ersparnisse oder Renten nicht in Wertpapieren, sondern voll und ganz in einer Heimstätte mit Häuschen angelegt. Um leben zu können, müssen sie ihre ganze Arbeitskraft einsetzen und sind danach ihre in Haus und Heimstätte angelegten Beträge nur ihr Arbeitskapital. Ihnen zur Seite stehen 17,5 v.H. Siedler, die den Obstbau berufsmäßig ausüben. Im Durchschnitt haben letztere 4 Morgen Obstbauland. Dann kommen 27 v.H. Beamte, die ihren Beruf noch ausüben entweder in der nahe gelegenen Stadt Oranienburg oder in der Weltstadt Berlin. Sie haben etwa 1 Morgen Obstbauland und glauben, nach der Befreiung vom Dienst ihren Lebensabend in Ruhe und Freude verbringen zu können. Weitere 10 v.H. sind selbständige Handwerker, 10 v.H. Gewerbetreibende, 9 v.H. Arzt und Künstler. In diesen drei Klassen hat ebenfalls jeder Siedler etwa 2 Morgen Land in Bearbeitung. Jetzt kommen zwei Abteilungen und zwar 19 v.H. Angestellte in unseren Genossenschaftsbetrieben und zwar 36 v.H. Arbeiter, die bisher zum größten Teil in unserer Baugenossenschaft durch unseren Bauunternehmer beschäftigt wurden.

 

Die Genossenschaft selbst hat vielleicht noch etwa 20 Morgen in Kultur neben den Obstanlagen auf Wegen und Plätzen. Die Genossenschaft ist mit den Siedlern auf dem Wege des Erbbaurechts verbunden und bekommt als Bodennutzungsabgabe für das Jahr 2 ½ vom Morgen oder dessen Geldwert am 1. Juli jeden Jahres. Ob die Bodennutzung in voller Höhe eingezogen wird, hängt von dem jeweiligen Beschluss des aus der Monatsversammlung gewählten Wirtschaftsausschusses, der am 30. Juni jeden Jahres in dieser Angelegenheit zu tagen hat, ab.

 

Alles, was von den Siedlern und ihrer Familien an Gemüse und Obst erzeugt wird, steht zu freihändigem Verkauf. Die Siedler können also ihre Erzeugnisse nach jeder Seite hin verkaufen und brauchen nicht an die Genossenschaft abzuliefern. Die Genossenschaft hat aber in ihrer Obstverwertung eine für die Siedler so ungemein wichtige Währungseinrichtung geschaffen, d.h. die Obstverwertung ist jederzeit in der Lage, den Preisen der Händler zu begegnen und die Waren durch Bewertung für bessere Preise und bessere Zeiten wertbeständig zu machen. Die Siedler können auf Grund ihrer Heimstättenkonten bei der Genossenschaft sich jederzeit mit ihren für den Obstbau nötigen Waren eindecken und durch Ablieferung von Ernteerzeugnissen zurückzuzahlen. Selbstverständlich ist es in dem Verkehr mit Bargeld das Gleiche.

 

Es ist Aufgabe der genossenschaftlichen Einrichtungen, in erster Linie das Wohl der Siedler allgemein zu sichern. Wenn wir wirtschaftlich bestehen wollen, so müssen wir immer von dem gesunden Egoismus, der einmal im Menschen vorhanden ist, ausgehen. Denn das ist Wirklichkeit.

 

Die Genossenschaft selbst hat sich weit ausgebaut und befindet sich im Besitze von 1 Genossenschaftshaus (enthält Konsumabteilung, Bücherei, Genossenschaftssaal und zwei Wohnungen), 1 Verwaltungshaus (enthält die Büroräume für die Genossenschaft, Siedlungsbank, Deutschen Verein Freiland und gemeinnützige Siedlungs-Treuhand-Gesellschaft), 1 Schule, 1 Jugendheim, 3 Wohnhäuser, 1 Obstverwertung, 1 Obstlagerhaus und die dazu gehörigen Schuppen für Dünger usw. Aus dieser Aufstellung ist zu ersehen, dass alle die Betriebsgebäude, die zu den Arbeiten der Siedler gehören, im Besitze der Genossenschaft sind.

 

Eden geht bei allen seinen Einrichtungen von einer Auffassung aus, die gerade in der heutigen Zeit der geistigen Unentschiedenheit ihren berechtigten Sozialsinn hat. (Es will jeder sein Eigentum und den Höchstertrag seiner Arbeitsleistung haben. Wir haben feststellen müssen, dass alle Betriebe und Einrichtungen, die auf kommunaler Grundlage arbeiten, in den letzten Jahren nicht zurechtgekommen sind.) Eden gibt jedem seine wirtschaftliche und geistige Freiheit, d.h. die Eigenart des einzelnen Siedlers in materieller und geistiger Arbeit kommt, wenn unbeeinflusst, zum Guten der Allgemeinheit hinaus. Auf diesem Wege ist eine schöpferische Entfaltung und Gestaltung gewährleistet. Wir sprechen immer wieder von der Eigenart des Volkes und vergessen dabei die Eigenart des einzelnen Menschen. In Eden soll im Verhältnis zu anderen Siedlungen der neuen Zeit die Eigenart nicht nur geschützt, sonder gefördert werden. Die persönlichen Beziehungen des einzelnen Genossen zu seiner Genossenschaft sind dann Selbstzweck und dadurch wieder Mittel zum Zweck der Gemeinschaft. So wird Eden genossenschaftliche Betriebe nicht einrichten, sondern sich nur auf Faktoren beschränken, die unbedingt gemeinschaftlich, wie Obstverwertung und Baumschule, zur Sicherung und Erhaltung des Arbeitsertrages nötig sind. Aber Eden wird die Siedler im Aufbau von Eigenunternehmen weitgehend unterstützen.

 

Das Sanatorium von Brinkmann unter der Leitung des Arztes Dr. von Kruska hat sich in der Reformwelt einen Namen errungen und zieht weitere Kreise in die Edener Arbeit hinein.

Die Arbeiten unseres Dr. Landmann auf dem Gebiete der Ernährungs- und Lebensreform und in Verbindung mit dem Leiter des dänischen Instituts für Ernährungswesen, Dr. Hindhede, haben wohl den Gesundheit anstrebenden Menschen große Aufklärung gebracht.

Auch die Tätigkeit unseres Genossen und früheren Vorstandsmitgliedes Oskar Mummert in der Herausgabe der Zeitschrift „Der Naturarzt“ brachte Anregungen im Volke, die Unzweifelhaft ihren Weg weiter nehmen werden.

In diesem Sinne hat auch unsere Genossin Frau Valeska Heintze ein Kinderheim, das sie früher in Berlin betrieben hat, nach Eden übernommen, welches sich regen Besuchs erfreut. Es sind immer acht Kinderchen, die von einem Wohlfahrtsamt in Berlin hierher geschickt werden, um in einfacher aber natürlicher Lebens- und Ernährungsweise zur Gesundung gebracht zu werden.

In stiller und freundlicher Stube sitzt unser Freund und Genosse Mittelstädt als Schriftkünstler und bemalt Bücher und Schriften mit Sprüchen, eine Kunst, die in unserem Volke wieder neu aufleben muss, um Sprüche in künstlerischer Arbeit einem lieben Menschen schenken zu können.

Aber auch die Bildhauerarbeiten von dem Genossen Wilhelm Groß haben weit im Lande ihr Feld erobert und von Zeit zu Zeit zieht ein großes Werk in eine Kirche nach Berlin oder in den Gemeinschaftssaal einer anderen Stadt da draußen. Hans Preiß hat in letzter Zeit viel Elfenbeinschnitzarbeiten geleistet und ist heute zu einer volkstümlichen Kunst übergegangen, die gerade in unseren mittleren Kreisen angebracht ist. Aus einem 20 Kubikzentimeter großem Stückchen Holz wird eine Gestalt des alten oder neuen Testaments oder sonst eine dem Liebhaber nahe stehende Person herausgearbeitet und mit Aquarellfarben wirksam gestaltet.

In Siedlung 7 steht Genosse G. W. Seifert vor seiner Bildhauerbank und vollbringt mit Hand und Meißel Arbeiten für Möbelarchitektur.

Eine feine Kunsttischlerarbeit leistet auch unser alter Genosse Thieme, der unter Verwendung von einfachem Naturholz eine einfache, aber vorzügliche Siedlerhaus-Möbeleinrichtung herstellt.

Die Ausschmückung von Innenräumen mit lebhaften und künstlerischen Farben hat sich unser Genosse Malermeister Fuhrmeister mit seinem Sohne zur Aufgabe gemacht und bringt nun aus Eden eine Arbeit, die namentlich in Kirchen große Zustimmung gefunden hat. So hat Fuhrmeister mit seinem Sohne in den Rettungshäusern Siloah in Berlin-Niederschönhausen und Sichar, Plötzensee und anderen mehr, namentlich für die Kindererziehung benutzten Räumen, Arbeiten mit Blumen und Vögeln zur Ausschmückung, die nicht nur erzieherisch, sondern auch belebend auf geistig schwache Kinder einwirken, geschaffen. Die Farben sind nicht schreiend, wie man sie heute in Weltstädten vorfindet, sondern lebhaft und ansprechend.

Jost Milde mit seiner Bücherstube und seinen graphologischen Kenntnissen hat manchem Suchenden den Weg gewiesen.

Die Riemensandalen und Schuhe von Meister Thomys wandern in Nord und Süd, Ost und West des Reiches.

Die Edener Druckerei Beck empfiehlt sich durch vorliegende Arbeitganz allein.

 

Unsere von den gesamten Siedlern erzeugten und von der Obstverwertung zu Marmelade, Gelee und Saft umgestellten Natur-Obstprodukte haben allgemeine Anerkennung gefunden. Gerade in der letzten Zeit ist der Kampf gegen den Alkohol stark aufgenommen, und immer wieder werden als Ersatz dafür unsere naturreinen Obstsäfte genannt.

Dass der Tabak in unserem Eden wenig Freunde hat, ist ja eine Selbstverständlichkeit. Jeder, der nach Eden kommt, befleißigt sich einer beständigen Selbsterziehung und ist bestrebt die Grundsätze der naturgemäßen Lebensweise zu halten. Wenn auch Eden nicht rein vegetarisch ist, so ist doch seine Ernährungsweise, schon bedingt durch eigene Gartenwirtschaft, eine naturgemäße, d.h. der Verbrauch von Fleisch ist gering.

Die Jugend ist wohl fast durchweg reformerisch und wird die Aufgaben der Eltern zur Durchbringung bringen können. Die Schule mit ihrem Lehrer, Genossen Lindner, wirkt auf unserem Gebiete vorbereitend und glaubt die Aufgaben der Heimatschule voll und ganz ins Leben bringen zu können. Die ältere Jugend wird gesammelt in unserem Jugendheim und kann dort sich geistig weiter entwickeln und mit den Älteren wunschgemäß Aussprache pflegen. Kommen Freunde oder Gäste nach Eden, so werden sie von der Jugend in ihrem Jugendheim für Nacht und Tag freundlichst aufgenommen.

Nach all diesem Kurzen kann wohl gesagt werden, dass Eden immerwährend sich bemüht, moralische und sittliche Aufbauarbeit im Interesse der gesamten Volkswirtschaft zu leisten. Wir bitten also unsere Genossen, Freunde und Förderer da draußen, unsere Arbeit, die 31 Jahre lang in Leid und Freud getätigt worden ist, weiterhin durch Mitgliedschaft und Beiträge zu unterstützen. Wir glauben, dass Eden auch in der kommenden Periode allen Anforderungen in der materiellen und geistigen Entwicklung gerecht werden wird.

 

 

Aus Edener Mitteilungen 1924 Nr. 2

 

 

Fritz Hampke war von 1922 bis 1945 Geschäftsführer der Eden-Genossenschaft sowie Mitbegründer der neuform VDR, der Vereinigung Deutscher Reformhäuser 

 

 

 

 

 

 

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