zurück

 

Kontakt

Impressum


 

 

 

Begriff und Aufgabe der Lebensreform

Von Dr. med. Friedrich Landmann, 1918

 

Wie ein roter Faden zieht sich durch die vorstehenden Einzelberichte der Begriff Lebensreform; er ist gleichsam die Achse, um die das gesamte Edener Leben kreist. Sein Inhalt konnte im Obigen nur andeutungsweise erläutert werden; es möge daher, gleichsam als Eck- und Schlussstein des ganzen Buches, hier noch eine zusammenfassende Darstellung folgen, die aber, das sei ausdrücklich betont, nur ein persönliches Bekenntnis sein kann. Denn noch besteht bei den Lebensreformern – die ja alle mehr oder weniger noch Strebende und Werdende sind – nicht in allen Punkten Klarheit und Übereinstimmung; diese sollen vielmehr erst aus der Tat, aus dem Leben, u.a. auch aus den Edener Erfahrungen erwachsen. Vor allem gilt es, das Ziel scharf herauszuarbeiten; der Weg wird sich dann schon finden. Sein Anfang liegt bereits offen.

Die Lebensreform als geistige Strömung der Gegenwart gründet sich auf die Erkenntnis und die Überzeugung, dass die bisherige Kulturentwickelung mit menschlicher Wohlfahrt, Gesundheit und Sittlichkeit unvereinbar ist und den Fortbestand einer geordneten menschlichen Gesellschaft in Frage stellt. Die Lebensreform als Tat setzt sich daher die Aufgabe, selbstschöpferisch unsere Entwickelung in neue, gesunde Bahnen zu leiten, und zwar trachtet sie dabei – eingedenk der Tatsache, dass Mensch und Umwelt sich wechselseitig bedingen – sowohl den Menschen selbst als auch die menschlichen Verhältnisse zu beeinflussen.

Mehr oder weniger wird dies ja auch von Staat und Kirche, von politischen Parteien und anderen gesellschaftlichen Vereinigungen erkannt und erstrebt; von ihnen allen unterscheidet sich aber die Lebensreform dadurch, dass sie als einzige dem Übel an die Wurzel geht und an ihre Bekenner weit größere persönliche Anforderungen stellt, als jene den ihrigen zuzumuten wagen. Denn Lebensreform ist vor allen Dingen Selbstreform; sie hat bei der eigenen Person und im eigenen Hause zu beginnen. Deshalb sind auch in der jetzigen Welt die Lebensreformer stets Ausnahmen.

Der Weg zu Ziel der Lebensreform ergibt sich aus der Erkenntnis der Ursachen unseres Niederganges. Als solche haben wir letzten Endes den aus dem Missverhältnis zwischen Nahrungsspielraum und Vermehrungsmöglichkeit hervorgegangenen Kampf ums Dasein anzusehen, der vom Menschen mit besonderer Erbitterung geführt wird und seine beiden Grundtriebe, den Selbsterhaltungstrieb und den Arterhaltungstrieb – ersteren unmittelbar, letzteren mittelbar, d. h. als Folge der menschlichen Kulturentwicklung – zu einer derartigen Höhe gesteigert hat, dass sie zu einer Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft geworden sind. Soll also die Ursache des Übels beseitigt werden, dann gilt es, diese beiden Triebe mit den Erfordernissen einer wahren Menschheitskultur in Übereinstimmung zu bringen.

Soweit nun dabei der Hebel am Menschen anzusetzen ist, haben wir hier eine wichtige Voraussetzung zu machen. Der harte Kampf ums Dasein hat nämlich im Verein mit gewissen Kulturschädlichkeiten die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen stark erschüttert, seine Lebenskraft und Lebensdauer bedenklich herabgesetzt, und mit dem gesunden Körper ist auch die gesunde Seele, die Daseinsfreude und das sittliche Empfinden zum großen Teil verloren gegangen. Soll aber der Körper wieder fähig werden, eine gesunde Seele zu beherbergen, soll sich der Mensch zur vollen Höhe seiner körperlichen und seelischen Kultur erheben können, dann muss er auch imstande sein, seine guten Eigenschaften zu entwickeln und seine schlechten Triebe niederzuhalten. Das ist aber abhängig von seiner Willenskraft, d.h. vom Stande seiner Gesundheit, und daher haben die Bemühungen um deren Wiederherstellung mit jedem anderen Aufartungsbestreben einherzugehen. Kein wichtiger Schritt darf im Leben getan werden, ohne dass dabei die gesundheitlichen Gesichtspunkte zu ihrem Recht kommen. Im übrigen ist Gesundheit für den Lebensreformer zwar zunächst eine persönliche Angelegenheit, eine Voraussetzung erfolgreichen Wirkens und ungetrübten Wohlbefindens, darüber hinaus aber zugleich eine sittliche Forderung und Pflicht gegen die Gesamtheit. Wer diese Pflicht versäumt, fällt durch Krankheit seiner Familie bzw. der Allgemeinheit zur Last und mindert durch Arbeitsunfähigkeit die Gütererzeugung; weiterhin schädigt er auch die Lebenskraft seiner Nachkommen. Für das alles trägt er persönlich die Verantwortung. Daraus ergibt sich für den Lebensreformer als oberstes Gebot: Lebe so, dass du nicht erkranken kannst, denn alles Erkranken ist letzten Endes auf menschliches Verschulden zurückzuführen.

Wir waren oben zu dem Ergebnis gekommen, dass das Streben der Lebensreformer auf die Bändigung der beiden entfesselten menschlichen Grundtriebe gerichtet sein müsse. Um zunächst vom Selbsterhaltungstriebe zu reden, so ist dessen Ausartung zu der heutigen ungesunden Selbstsucht hauptsächlich auf wirtschaftlichem Boden, unter dem Druck schwieriger Erwerbsverhältnisse erfolgt. Soll er daher gemildert, d.h. zu jenem gesunden Eigennutz herabgestimmt werden, der für jedes Lebewesen notwendig und berechtigt ist, dann müssen wir jene Schwierigkeiten zu beheben suchen, und zwar durch Mittel, die heute schon anwendbar sind und jedermann zu Gebote stehen.

Von allen Mitteln nun, die dem Einzelnen den Daseinskampf erleichtern, hat der Lebensreformer aus sittlichen Erwägungen diejenigen von vornherein auszuscheiden, die die Bedingungen des Wettbewerbs fälschen; denn diese Bedingungen müssen für jeden die gleichen sein, wenn die Auslese nicht zum Niedergang statt zum Aufstieg führen soll. Der Lebensreformer hat also unter allen Umständen auf Ausbeutung und Unterdrückung als Kampfesmittel zu verzichten, d.h. auf Aneignung fremden Arbeitsertrages und fremder Leistungen in jeder Gestalt sowie auf die planmäßige Niederhaltung und Übervorteilung mit unredlichen Mitteln vorwiegend geistiger Art, wie Verdummung, Lüge und Betrug. Es sollen also nur die dem Menschen angeborenen bzw. von ihm erworbenen Begabungen und Fähigkeiten in ehrlichen Wettbewerb treten; im übrigen soll der Einzelne ganz auf sich selbst gestellt sein. So will es das jedem gesunden Menschen eingeborene Gerechtigkeitsgefühl; und solange dieses unbefriedigt bleibt, ist menschliche Wohlfahrt und Kultur nicht möglich.

Die Forderung, dass jeder auf sich selbst gestellt sein solle, schließt natürlich nicht aus, dass der Einzelne sich nicht mit seinesgleichen zu gemeinsamen Zielen vereinige; vielmehr muss er, um alle Mittel zum Fortkommen zu benutzen, sich auch derjenigen bedienen, die im Zusammenschluss Gleichstrebender gelegen sind. Dies in unserem Falle um so mehr, als der Lebensreformer die seinen besonderen Zwecken dienenden gesellschaftlichen Einrichtungen nur mit Hilfe von seinesgleichen zu schaffen in der Lage ist.

Als ein Zusammenschluss obiger Art ist auch die Ehe zu betrachten, die, abgesehen von ihrem Sonderzweck als Arterhalterin, auch als Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft mancherlei Vorteile und Werte in sich schließt. Nur darf auch in ihr Ausbeutung und Unterdrückung keine Stätte finden. Diese Bedingung erfüllt die Lebensreform dadurch, dass sie jeden ihrer Bekenner, sei es Mann ob Weib, zu wirtschaftlicher Selbständigkeit erzieht, so dass also die Ehe niemals zu einem Abhängigkeitsverhältnis, zu einer Versorgungsanstalt werden kann. Sie kann und soll vielmehr nichts anderes sein, als eine engere Lebensgemeinschaft zur Auswirkung und Veredelung des ganzen Menschen im Dienste der Gattung.

Wenden wir uns nun zur Betrachtung jener Mittel, durch welche die Bürde des Daseins erleichtert und der Selbstsucht die Nahrung entzogen werden soll, so richten sich unsere Blicke zunächst auf dasjenige Lebensgut, das wir am wenigsten entbehren können; den Boden, unsere Mutter Erde, unsere Heimat, Wohnstätte und Nahrungsquelle. Gerade von diesem Gut sind aber heute die meisten Menschen durch ein falsches Bodenrecht ausgeschlossen, und es ist besonders schwer, sich zu ihm den Weg zu bahnen. Noch am ehesten lässt sich diese Schwierigkeit durch Zusammenfassung der vereinzelten Kräfte überwinden. Am Anfang der Lebensreform steht also die Siedlungsgenossenschaft.

Aber noch bevor der Lebensreformer den Fuß auf seine Scholle setzt, hat er – wiederum zur Bekämpfung der Selbstsucht – ein für allemal zu verzichten auf jedes persönliche Bodeneigentumsrecht, auf jede Möglichkeit, mit seinem Boden oder einem darauf errichteten Bauwerk Handel oder Wucher zu treiben. Was ihm gewährt werden kann, ist nur das, worauf jeder Volksgenosse vernünftigerweise Anspruch hat: das Recht, gegen eine Abgabe den Boden als Wohnstätte und Nahrungsquelle zu nutzen. Darum ist auch der Lebensreformer zugleich Bodenreformer, und zwar der strengsten Richtung, die alle halben Maßregeln bekämpft, hingegen alle Bestrebungen unterstützt, durch welche Grund und Boden wieder in das Eigentum des Volkes übergeführt werden können.

Es wurde oben bereits betont, dass der Lebensreformer keinen wichtigeren Schritt zur Verwirklichung seiner Ziele tun dürfe, ohne dass die Erfordernisse der Gesundung und Aufartung dabei zu ihrem Rechte kämen. Dies ist erfreulicherweise in besonderem Maße der Fall bei seiner Rückkehr zur Mutter Erde. Nichts hebt ja das menschliche Wohlbefinden mehr, als die Freiluftarbeit und die nahe Berührung mit der Natur; die beiden obersten Zwecke der Lebensreform, Daseinssicherung und Gesundung, finden also hier auf dem gleichen Boden, das eine durch das andere, ihre Erfüllung. In jedem anderen Falle, z.B. in städtischen Verhältnissen, wäre Lebensreform ein Unding. Außerdem kann aber auch aus dem Grunde als Wiege der Lebensreform nur das Land in Frage kommen, weil ihre Bekenner ebenso wohl Raum benötigen zu ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entfaltung, wie andererseits eine gewisse Absonderung von den Stätten der Unkultur, - letzteres namentlich im Hinblick auf die Aufzucht einer körperlich und seelisch gesunden Jugend.

Im einzelnen beginnt nun die Tätigkeit einer Siedlungsgemeinschaft mit dem Erwerb von Grund und Boden zu gemeinsamen, unveräußerlichem Eigentum. Für die dabei entstehenden Verpflichtungen übernimmt jeder Siedler einen entsprechenden Anteil der Haftung. Soweit der Boden nicht sogleich bezahlt werden kann, wird die Entschuldung auf eine Reihe von Geschlechterfolgen verteilt. Vergeben wir er nur in Pacht, d. h. zur Nutzung als Wohnstätte und Nahrungsquelle, und zwar auf Lebenszeit und mit dem Recht der Vererbung. Die Nutzungsbedingungen werden von den Beteiligten in gemeinsamem Einverständnis festgesetzt bzw. nach Bedarf abgeändert, bleiben also dauernd der Willkür eines fremden Verpächters oder den Einflüssen des Marktes und der Bodenspekulation entzogen. Auch kann niemand mehr den Pächter von seiner Scholle vertreiben, solange er seinen Verpflichtungen nachkommt.

Nun hat also der Lebensreformer Zutritt zum Boden erlangt. Aber ehe er mit seiner Arbeit beginnt, muss er – weniger um der Selbstsucht noch einen neuen Hemmschuh anzulegen, als vielmehr zur Sicherung seines wirtschaftliches Gedeihens – sich noch zu einer weiteren Leistung verstehen: zur größten Einfachheit in seiner Lebensführung und zur unbedingten Hingabe an seinen Beruf. Denn will er im Landbau ohne Ausbeutung sein Fortkommen finden, dann muss er sehr tüchtig und fleißig und zugleich sehr anspruchslos sein. Fast könnte man Bedenken tragen, ihm diese Verpflichtungen aufzuerlegen, wenn man nicht wüsste, was für eine reiche Quelle wohltätiger, natürlicher Lebensreize in der aus Neigung gewählten und ganz zum eigenen Vorteil betriebenen Landarbeit gelegen ist. Sodann sind aber auch in der Mitwirkung an Lebensreform, der gewaltigsten aller menschlichen Kulturaufgaben, Gefühlswerte enthalten, die für alle, die ganz in ihren lebensreformerischen Zielen aufgehen – und nur an solche ist gedacht! –gar vieles von dem aufwiegen, was das Leben sonst an Reizen zu bieten hat.

Die Regelung der Bodenfrage im obigen Sinne schließt nun im Verein mit der in ihr enthaltenen Lösung der Berufsfrage neben den bekannten Vorzügen der genossenschaftlichen Ordnung (gemeinsamer Ein- und Verkauf, geschlossenes Auftreten in allen Fällen, wo der einzelne zu wenig vermag) eine große Zahl von Vorteilen wirtschaftlicher, gesundheitlicher, gesellschaftlicher und sittlicher Art in sich, die letzten Endes alle der Sicherung des Daseins und damit der Hauptaufgabe der Lebensreform, der Bekämpfung der Selbstsucht, dienen und im Folgenden einzeln erörtert werden sollen. Es wird dabei – ebenfalls unter dem letztgewähnten Gesichtspunkt – zugleich von den Pflichten die Rede sein, die vom Lebensreformer aus diesen neuen Daseinsverhältnissen erwachsen.

Betrachten wir zunächst die wirtschaftlichen Vorteile der ländlichen Wohn-, Arbeits- und Lebensweise im genossenschaftlichen Verbande. Auf gemeinsamem, unveräußerlichem, auf Lebensdauer gepachteten Grund und Boden wohnt es sich natürlich sicherer und ruhiger, als irgendwo anders; es wohnt sich aber auch billiger, weil zur Errichtung des Hauses kein Bauplatz gekauft zu werden braucht und die Abgabe für die Nutzung des Pachtlandes als Bauland durch keine Bodenspekulation, keinen Wertzuwachs gesteigert wird; weil ferner das Eigenheim unter werktätiger Mitarbeit des Siedlers und mit größter ländlicher Einfachheit errichtet und ausgestattet werden kann.

Was die Arbeitsweise betrifft, so ist der lebensreformerische Siedler Selbstwirtschafter, d. h. er verrichtet seine Arbeit mit seiner Familie allein. Das Verbot der Ausbeutung – an welcher sich ja nur allzu leicht die Selbstsucht entzündet! – schließt Gesindehaltung aus und erlaubt höchstens Lehrlingshaltung im Rahmen der Gleichwertigkeit von Leistung und Gegenleistung. Auch die Ausbeutung des Tieres als Kraftquelle würde jenem Verbot unterliegen, wenn nicht schon die Wirtschaftsweise als solche – höchstgesteigerter Pflanzenbau auf engstem Raume – die Benutzung tierischer Kraft entbehrlich machte. Dass der Lebensreformer gelegentlich noch mittelbar von dieser Kraft Gebrauch machen muss, kann an seinem grundsätzlichen Standpunkt nichts ändern.

Die Verwertung der Arbeitskraft ausschließlich auf eigener Scholle gewährleistet dem Schaffer den denkbar größten Nutzen, nämlich den vollen Arbeitsertrag. Andererseits ist die Tätigkeit in einem nahrungserzeugenden Betriebe die unmittelbarste und damit wirtschaftliche Umsetzung von Arbeit in Unterhalt. Die meisten Kulturmenschen nehmen heute bei der Beschaffung ihrer Lebensnotdurft den zwiefach verlustbringenden Umweg über das Geld und die Ware; zunächst verdienen sie sich Geld, wobei ihr Arbeitgeber einen Teil des Arbeitsertrages für sich zurückbehält, dann kaufen sie sich für den verbleibenden Arbeitsertrag (Lohn, Gehalt) ihren Lebensbedarf, wobei wiederum ein Teil des Geldes als Handelsgewinn an den Kaufmann verloren geht. Diese Verluste vermeidet der Selbstversorger größtenteils; er würde sie gänzlich vermeiden, wenn er nicht genötigt wäre, zur Beschaffung der nicht unmittelbar von seiner Scholle zu gewinnenden Lebensnotdurft sowie zur Bestreitung sonstiger Ausgaben einen Teil seiner Ernte in Geld umzusetzen.

Die Eigenart der Landarbeit bringt es ferner mit sich, dass man mit der Zeit auch andere als die eigenen Werkzeuge handhaben und sowohl Arbeits- wie Hausgerät selbst herstellen und ausbessern lernt, was wiederum eine besonders nutzbringende Verwertung der eigenen Arbeitskraft und eine Verbilligung der Lebensführung bedeutet. Weiterhin bewirkt die Freiluftarbeit eine körperliche Abhärtung, die manches der Verweichlichung dienenden Schutzmittel überflüssig macht; sie erhöht die Schaffenskraft und damit den Gesamtertrag der Lebensarbeit und schließt ferner soviel natürliche Lebensreize in sich, dass die künstlichen, d.h. käuflichen, entbehrlich werden.

Was endlich die wirtschaftlichen Vorteile der ländlichen Lebensweise betrifft, so wurde bereits hervorgehoben, dass die Sicherung des Daseins nicht minder durch Erleichterung der Unterhaltsbeschaffung wie durch Verzicht auf überflüssige Bedürfnisse erzielt wird. In letzterer Hinsicht eröffnet nun aber gerade das Landleben zahlreiche Möglichkeiten. So vieles, was sonst aus Gewohnheit und Überlieferung, aus gesellschaftlichen und anderen Rücksichten in Bezug auf Wohnung, Kleidung, Ernährung, Erholung, Geselligkeit usw. als unentbehrlich gilt, verliert bei der Umstellung der Lebensführung auf ländliche Verhältnisse und namentlich inmitten einer Gesellschaft, deren Einzelglieder alle der gleichen Einfachheit zustreben, mehr und mehr an Wert und kann, ohne dass deshalb die Gefahr des „Verbauerns“ entstünde, aus dem Leben gestrichen werden. Dabei verspürt man nicht nur keinen Verlust, sondern hat vielmehr das Gefühl der Erleichterung und Bereicherung; denn was beim Verzicht auf den Kulturplunder an Kosten, Zeit und Arbeit gespart wird, wird für die Sicherung des Daseins, zur Beschaffung geistiger und seelischer Lebensnotwendigkeiten und für Zukunftsaufgaben frei.

Hier, wo von ländlicher Lebensweise die Rede ist, ist auch der Ort, um den Standpunkt des Lebensreformers zur Ernährungsfrage zu behandeln, jenem wichtigen Gebiet, auf welchem die menschlichen Triebe und Süchte sich von jeher so verhängnisvoll ausgewirkt haben, wo daher eine gründliche Ein- und Umkehr am nötigsten ist, und zwar gleichermaßen aus wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sittlichen Rücksichten.

Bei dem engen Zusammenhang zwischen Nahrungs- und Genussmitteln seien die letzteren zunächst behandelt. Es versteht sich von selbst, dass der Lebensreformer alles, was hierher gehört, insbesondere Rauschmittel (Alkohol und Tabak), sowie Erregungsmittel (Kaffee, Tee, die meisten Gewürze) gänzlich zu meiden hat, da sie zum mindesten entbehrlich, zum Teil aber ausgesprochen gesundheitsschädlich sind. Gegen den Gebrauch harmloser Ersatzmittel, soweit solche in Frage kommen, soll damit natürlich nichts gesagt sein.

Im Übrigen ist für den Lebensreformer die gegebene Kost die rein pflanzliche. Ihrer Erzeugung ist seine Tätigkeit vorzugsweise gewidmet, sie ist am einfachsten und billigsten zu beschaffen, und genügt allen Erfordernissen des gesunden Menschen, sowohl des erwachsenen wie des Kindes. Dass sie auch die zuträglichste – im Sinne der Gesunderhaltung – ist, zeigt sich an den Folgen der tierischen Ernährung. Diese ist bekanntlich dem Menschen erst durch die Entbehrung der Eiszeit aufgezwungen und um ihrer vermeintlichen Vorzüge willen – Verdaulichkeit, Sättigungsvermögen und Wohlgeschmack – später neben der pflanzlichen beibehalten worden, hat aber letztere im Laufe der Zeit mehr und mehr zurückgedrängt. Jene Vorzüge haben sich nun aber in Wirklichkeit als Nachteile erwiesen. Denn wirtschaftlich betrachtet ist die tierische Nahrung (Fleisch, Milch, Käse, Eier) eine Verschwendung, da etwa zwei Drittel des dem Vieh gereichten Futters – das bekanntlich zum guten Teile aus hochwertiger, auch für den Menschen geeigneter Nahrung besteht! – als Erhaltungsfutter für die Lebensverrichtung des Tieres verbraucht und nur der Rest in Nahrungsmittel umgesetzt wird. Dazu kommt, dass auch die verfütterten Abfälle, unmittelbar zu Dünger verarbeitet, einen höheren Wert darstellen, als wenn sie erst den tierischen Stoffwechsel durchlaufen. Berücksichtigt man endlich, dass alles, was für Unterkunft, Pflege, Futterbeschaffung usw. an Kraft, Zeit, Geld, Rohstoffen und Bodenfläche dem Tiere zugewendet und damit dem Menschen entzogen wird, so leuchtet die Unwirtschaftlichkeit und Kulturwidrigkeit der Tierhaltung jedem ein, der nicht, sei es aus diesem, sei es aus jenem Grunde, alles abzulehnen gewohnt ist, was ihn in seinem Behagen und in der Befriedigung seiner Gelüste stört.

Neben den wirtschaftlichen sprechen aber auch gesundheitliche Rücksichten gewichtiger Art gegen die tierische Nahrung. Denn deren leichtere Verdaulichkeit (Milch!) entlastet in unerwünschter Weise die der menschlichen Ernährung dienenden Organe, wodurch diese verwöhnt und in ihrer Leistungsfähigkeit geschwächt werden, d.h. entarten. Die Folgen zeigen sich teils in dem tatsächlichen Unvermögen mancher Menschen, ohne tierische Nahrung auszukommen, teils in der so weit verbreiteten Verdauungsschwäche, in den Magen- und Darmkrankheiten und in der allgemeinen Zahnverderbnis. Die Bekämpfung aller dieser Entartungserscheinungen ist nun aber eine unerlässliche Voraussetzung unserer Aufartung, und schon allein aus diesem Grunde müsste der Lebensreformer tierischer Nahrung entsagen. Aber auch aus sittlichen Beweggründen hat er sie abzulehnen. Denn Tierhaltung ist die ausgeprägteste Form von Ausbeutung, insofern als das Tier nicht nur zu Lebzeiten ausgenutzt, sondern schließlich auch noch des Lebens selbst beraubt wird. Ferner ist die Tierhaltung ein schwerer Eingriff in die natürlichen Daseinsbedingungen, eine dem Tiere aufgezwungene, naturwidrige Lebensweise, die ebenso, wie das naturwidrige menschliche Kulturleben, zu Krankheiten und Entartung geführt hat. Nebenbei stellt die Gewinnung der tierischen Nahrung Anforderungen, denen das Tier nur unter Störungen seines Wohlbefindens, unter Unbequemlichkeiten und Schmerzen entsprechen kann. Nur menschliche Selbstsucht, Gedanken- und Gefühllosigkeit kann das alles – von der Tötung des Tieres erst gar nicht zu reden! – übersehen. Wenn etwas nur „Geld einbringt“ und „gut schmeckt“, dann ist ja nach den heutigen Anschauungen jedes dazu dienliche Mittel geheiligt. – Freilich, wie die Dinge nun einmal liegen, wird man in den oben erwähnten Fällen tatsächlichen Unvermögens, ausschließlich von pflanzlicher Nahrung zu leben, den Betreffenden den Gebrauch tierischer Nahrung nicht verdenken dürfen; es handelt sich dann eben um kranke, körperlich minderwertige Menschen.

Aber noch aus sittlichen Erwägungen anderer Art gelangt der Lebensreformer zur Ablehnung der tierischen Nahrung. Weil er nämlich den Grundsatz vertritt, dass der Mensch als höchststehendes Lebewesen imstande sein müsse, auch ohne Ausbeutung sein Fortkommen zu finden – die Natur verlangt das bekanntlich von jedem Geschöpf, das nicht ein ausgesprochener Schmarotzer ist, und als solcher will die „Krone der Schöpfung“ doch nicht dastehen! – lässt er den biblischen Rat, sich die Erde untertan zu machen, zwar hinsichtlich der Dienstbarmachung der Naturkräfte gelten; darüber hinaus aber bekämpft er ihn als der Würde und dem Wohle der Menschen zuwiderlaufend. So gebieten ihm auch sein menschlicher Stolz und seine Selbstachtung, sich nicht in Abhängigkeit von Tieren zu begeben. Er lehnt es ab, sich seine Nahrung vom Vieh vorkauen und vorverdauen zu lassen; er empfindet es als beschämend, dass der Mensch, der „Herr der Welt“, nicht einmal mehr seine Brut aufziehen kann, ohne dass ihm das Vieh dabei zu Hilfe kommt. – dass er es kaum noch wagen darf, geboren zu werden, bevor nicht eine Kuh ein Kalb zur Welt gebracht hat. Denn wie wenige Mütter vermögen heute noch allen Anforderungen der natürlichen Säuglingsernährung zu genügen!

Diese letztere Feststellung führt den Lebensreformer noch zu einer anderen Erwägung ernster Natur, die den fragwürdigen Nutzen der tierischen Nahrung noch weiter beleuchtet. Man weiß ja, wie sehr die stillende Mutter als Geschlechtswesen der Schonung bedürftig ist, wenn nicht die Milch versiegen und der Säugling den Gefahren der künstlichen Ernährung ausgesetzt werden soll. Dass aber der Mutter diese Schonung nur zu oft versagt wird, das ist der besondere Segen der Tierhaltung. Wozu soll sich auch der Gatte und Vater Rücksichten auferlegen, wo doch die Milch für Geld zu haben ist?! Zwar werden durch diesen Ersatz der Mutterbrust die Kinderkirchhöfe bevölkert, aber dagegen ist das menschliche Gewissen längst abgestumpft!

Gegenüber so schwerwiegenden, die Abhängigkeit des Menschen vom Vieh beweisenden Tatsachen kann alles, was man sonst zu Gunsten der Viehhaltung noch anführen könnte, für den lebensreformerischen Selbstwirtschafter nicht mehr ins Gewicht fallen. Dass und weshalb er des Tieres als Arbeitsmaschine nicht bedarf, wurde bereits erörtert. Um des Düngers willen braucht er es ebenso wenig zu halten, weil er ja seine Abfälle auch ohne das Vieh, und zwar mit größerem Nutzen, zu Dünger verarbeiten kann, und weil bei seiner Wirtschaftsweise (viel Eigenverbrauch, wenig Verkauf) das Düngerkapital größtenteils zwischen ihm und seiner Heimstätte umläuft und er die entstehenden Verluste leicht durch Kunst- und Gründünger decken kann. Was aber die sonstigen Erzeugnisse der Viehhaltung betrifft, so können wir auch hier die tierischen Krücken entbehren, da diese Erzeugnisse weder lebenswichtig noch unentbehrlich und die sonstigen Leistungen des Tieres durch die Technik ersetzlich sind.

Was aber schließlich für den Lebensreformer noch ganz besonders gegen die Viehwirtschaft spricht, das ist die heutige Landnot. Wenn jetzt so zahlreiche Menschen von der Mutter Erde ausgeschlossen sind, dann sind neben dem falschen Bodenrecht die Verbraucher tierischer Nahrung dabei die Hauptschuldigen, eben weil ihre Nachfrage bewirkt, dass ein so großer Anteil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche (etwa vier Fünftel) dem Vieh eingeräumt und dadurch für den Menschen gesperrt wird. Darin liegt aber das größte Hindernis für das aufsteigende Leben; denn sind erst die Menschen wieder gesund und die Ehen wieder fruchtbar geworden, dann muss der Nahrungsspielraum bald zu eng werden, wenn das Vieh im bisherigen Umfange weitergehalten wird. Bei dieser Schicksalsfrage „Mensch oder Vieh“ entscheidet der Lebensreformer sich aber unbedingt gegen das letztere und bekräftigt diese Entscheidung schon jetzt durch die Tat.

Wir haben nun noch die gesundheitlichen, gesellschaftlichen und sittlichen Vorteile und zugleich die Pflichten zu behandeln, die das Leben auf eigener Scholle im Rahmen einer lebensreformerischen Siedlungsgenossenschaft in sich schließt.

Von der Pflicht, gesund zu sein, war bereits oben die Rede. Ihr kann man im gesellschaftlichen Verbande und in ländlichen Verhältnissen um so leichter genügen. als es sich dabei in der Hauptsache um das Aufgeben schädlicher Lebensgewohnheiten handelt, denen man erfahrungsgemäß innerhalb der Kulturgesellschaft nur sehr schwer entsagen kann, während es in einer Gemeinschaft Gleichstrebender weit eher möglich ist. Dazu kommt, dass schon allein die durch das Landleben bedingte Ausschaltung zahlreicher Kulturschädlichkeiten die Gesundheit fördert, ein Gewinn, der aber durch die wohltätigen Wirkungen des Freiluftlebens, wie auch durch bewusste persönliche Gesundheitspflege noch wesentlich gesteigert werden kann. Als das wertvollste Ergebnis dieser körperlichen Wiedergeburt haben wir aber die damit einhergehende seelische Gesundung anzusehen, die nicht nur ein Gegengewicht gegen die Vorherrschaft des Trieblebens bildet, sondern auch zur Erfüllung sittlicher Forderungen fähig und bereit macht.

Ganz besonders bewährt sich ferner eine nach boden- und lebensreformerischen Grundsätzen durchgeführte Umwandelung der Lebensgrundlagen auf gesellschaftlichem Gebiet. Wenn hier der Mensch aus der wirtschaftlichen Vereinigung mit seinesgleichen Nutzen zieht, so kann ihn schon dies allein seinem Nebenmenschen näher bringen, in ihm nicht nur den Wettbewerber erblicken, sondern auch den Helfer im Kampf ums Dasein schätzen lassen. Wenn er aber dann weiterhin als Selbstwirtschafter und Selbstversorger mit seiner Arbeitskraft gänzlich und mit seiner Ware größtenteils dem Markte fernbleibt, niemanden den Futterplatz streitig macht, dann wird das Wettbewerbsverhältnis gegenüber dem Mitmenschen bedeutend gemildert und so der Boden für ein gedeihliches Gemeinschaftsleben vorbereitet, das den natürlichen, gesunden Wettbewerb zwar walten lässt, aber der zersetzenden und verhetzenden Selbstsucht keine Stätte mehr bietet. Eine weitere Stütze gewinnt diese engere Lebensgemeinschaft dann noch durch die genossenschaftliche Regelung der Wohnfrage, die einen Abschluss des Siedelungsgeländes gegen alles dasjenige ermöglicht, was infolge der herrschenden Freizügigkeit sich friedenstörend und sittenverderbend in Familie und Gemeinde  eindrängen könnte. Ist dies alles schon für die Beziehungen zwischen den Erwachsenen ein großer Gewinn, so noch viel mehr für die wichtigste aller gesellschaftlichen Aufgaben: die Pflege der zum Ganzen strebenden Kräfte und Triebe beim heranwachsenden Geschlecht, die Erziehung der Jugend zu Familien- und Gemeinsinn und zu genossenschaftlichem Empfinden. Denn das ist der Weg, auf dem das Beispiel der Erwachsenen im Verein mit der verbesserten Umwelt dem Spaltpilz der ungesunden Selbstsucht den Boden entzieht, noch bevor er sich bei der Jugend einnisten kann.

Da hier von Jugenderziehung die Rede ist, so sei vom Standpunkt des Lebensreformers auch zur Schulfrage noch eine Bemerkung gemacht. Eine so wichtige Einrichtung wie die Schule muss natürlich von vornherein in den Dienst der lebensreformerischen Aufgaben gestellt werden, mit anderen Worten: die Siedelungsgemeinschaft braucht unter allen Umständen eine eigene Schule mit Lehrkräften, die ihren Unterricht, soweit es im Rahmen des staatlichen Zwanges irgend möglich ist, den Lebenserfordernissen und Zielen der Gemeinde anzupassen, und zwar aus eigener Überzeugung und Verantwortung. Wohl erfordert das große Opfer, die aber im Hinblick auf das große Ziel gebracht werden müssen.

Was endlich die sittlichen Wirkungen der neuen Lebensform betrifft, so erweist sich auch hier wieder die Vereinigung Gleichstrebender, die Schaffung neuer gesellschaftlichen Keimzellen abseits von den Stätten der Unkultur als wertvolles Hilfsmittel zur Aufartung des inneren Menschen, zu bewusstem Streben nach Natürlichkeit, Echtheit und Wahrhaftigkeit im Lebenswandel, zur Läuterung der Umgangsformen, Verkehrssitten und Bräuche von den Schlacken der Heuchelei und Selbstsucht. Denn wo alle den gleichen sittlichen Zielen zustreben, wo einer den anderen stützt und durch sein Beispiel aufmuntert, wo sittenverderbende Einflüsse der Außenwelt planmäßig niedergehalten und veredelnde Einflüsse ebenso planmäßig gefördert werden, da macht die Selbstreform raschere Fortschritte, als wo jeder für sich allein in einer entarteten Umgebung mit den Schicksalsmächten in seinem Innern ringt.

Mit den bisherigen Ausführungen haben wir nun den Weg zur Gesundung des Menschen und der menschlichen Verhältnisse, soweit es sich dabei um Maßregeln gegen den ausgearteten Selbsterhaltungstrieb handelte, gewiesen. Als die zweite der beiden Ursachen unseres Niederganges hatten wir die Ausartung des Arterhaltungstriebes bezeichnet. Es werden daher hier nun noch die Mittel und Wege aufzuzeigen sein, wie das Leben vor weiteren Verwüstungen durch den letzteren bewahrt und wieder zur Höhe geführt werden kann.

Es ist wirklich das Leben selbst, nicht die äußeren Lebensumstände, was hier bedroht ist, und zwar in seinem innersten Kerne; und wer Lebensreformer im gesamten Umfange dieses Begriffes sein und sich nicht mit Teilerfolgen begnügen will, der darf vor dieser letzten und schwersten Aufgabe nicht halt machen, sondern muss sich mit ihr auseinandersetzen.

Wir betreten damit ein Gebiet, wo den Aufartungsstrebungen dermaleinst die wertvolle Frucht winkt: die Säuberung der Ehe und Familie von der Verschmutzung durch den auf Abwege geratenen Fortpflanzungstrieb, der beim Menschen zum so genannten Geschlechtsverkehr  geführt hat und dadurch gekennzeichnet ist, dass der Mensch – oder vielmehr der Mann! – im Laufe der Kulturentwickelung durch eine Verkettung verhängnisvoller Umstände dazu verleitet wurde, die Zeugungsorgane über ihren Naturzweck hinaus als Lustorgane zu missbrauchen. Damit ist jener Trieb – zuerst und vorzugsweise beim Manne, dann aber durch Vererbung im beschränkten Umfange auch beim Weibe – zu einer fast das ganze Dasein erfüllenden und beherrschenden Lebensgewalt geworden, die nicht nur den Körper unterjocht, sondern nicht minder die Geistigkeit in Ketten schlägt und auch die Gedanken, Handlungen und Entschließungen außerhalb des eigentlichen Geschlechtslebens vielfach entscheidend – und zwar meist verderblich – beeinflusst. Die schlimmsten Verheerungen richtet aber der entfesselte Trieb auf seinem eigentlichen Betätigungsgebiet an, das er sogar über die von der Natur sonst gesteckten Grenzen – Zeitraum der Fortpflanzungsfähigkeit und innerhalb derselben die Paarungszeiten – nach beiden Seiten – Jugend und Alter – bedenklich erweitert hat. Hier ist es insbesondere die Ehe, und in der Ehe das Weib, was vom Manne um geschlechtlicher Lust willen missbraucht wird, ohne Rücksicht darauf, ob dadurch das Triebleben der Frucht verdorben, die Ernährung des Neugeborenen gefährdet und das mütterliche Empfinden im Tiefsten verletzt wird. Hier gibt es für den Lebensreformer noch eine gewaltige Arbeit zu leisten, bis der Born der Menschheit von diesem Schlamm gesäubert ist. Aber auch hier bewährt sich seine gesellschaftliche Ordnung wiederum als hilfreich. Denn war bisher das Weib infolge seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit gezwungen, sich auch geschlechtlich versklaven zu lassen, so gewährleistet ihm die neue Lebensordnung volle gesellschaftliche und wirtschaftliche Selbständigkeit und damit auch den ihm allein gebührenden, entscheidenden Einfluss im Fortpflanzungsleben. – Dies ist der einzige und zugleich der schwerste Weg zu wahrer Menschheitskultur; aber um geringeren Preis ist das Heil der Welt nicht zu erlangen! Kein Erlöser kann es uns bringen; hier muss jeder sich selbst erlösen! Erst wenn Mann und Weib wieder in Reinheit den Blick zueinander erheben können, erst wenn Hochzeit und Ehe wieder zu einem Sakrament der Natur geworden sein werden, wird die Menschwerdung vollendet und das Werk der Lebensreform vollbracht sein.

Wir sind damit am Schluss unserer Betrachtungen angelangt und wollen nur noch zur Erklärung für diejenigen, die den Heilsweg erst dann betreten möchten, wenn ihnen ein bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeiteter Plan einer Zukunftsgesellschaft vorgelegt worden ist und ihren Beifall gefunden hat, hinzufügen, dass es nicht der Zweck dieser Ausführungen war, unter dem Leitgedanken der Lebensreform alle, insbesondere alle wirtschaftlichen Voraussetzungen zu erörtern, sondern um für ernst strebende Menschen die Richtlinien festzulegen und die Möglichkeit einer Aufartung zu erweisen. – Für diejenigen jedoch, die mit der persönlichen Lebensreform auch völkische und vaterländische Ziele zu verbinden gewohnt sind, möge hier noch ein kurzer Ausblick eröffnet werden.

Man ratschlagt gerade in unseren Tagen so viel darüber hin und her, wie unserem an den Klippen der Überzivilisation gescheiterten deutschen Volke wieder zu neuem Leben und Glanz verholfen werden könnte, und preist als Allheilmittel für die Not der Zeit die Arbeit an. Aber abgesehen davon, dass die Arbeit erst dann ihre ganze Fruchtbarkeit und Zauberkraft entwickeln könnte, wenn sie aus den Fesseln des Kapitalismus befreit würde – woran ja vorläufig kaum zu denken ist – vermöchte sie allein höchstens Sachgüter und geistige Werte zu erzeugen, d.h. das Volk wirtschaftlich voranzubringen; zum vollen Ausstieg bedürfte es aber noch eines mächtigeren Hebels. Denn nur ein Volk von höchster Sittlichkeit, gesund an Leib und Seele, vermöchte die Kräfte zu entwickeln, um seine Mitbewerber zu überflügeln und zu überdauern. Und wären es zunächst auch nur einzelne, die diese letztere Voraussetzung begriffen hätten und sie als Vorkämpfer der Lebensreform in die Tat umsetzen, so würden, ja, müssten sie mit der Zeit, ohne andere Kräfte als diejenigen eines gesunden, sittlichen Lebens, vermöge ihrer größeren Leistungsfähigkeit und Fruchtbarkeit den ganzen Volkskörper durchwachsen und an die Stelle des Abgelebten und Minderwertigen treten. Darüber hinaus aber würden und müssten sie ohne Schwertstreich, einzig mit dem Mittel der friedlichen Durchdringung, allen anderen Völkern ihrer Zone überlegen werden und sich zu Erben ihrer Kultur und ihrer Reiche machen. Arbeit und Sittlichkeit: das ist und bleibt die unüberwindliche Zwillingswaffe im Wettbewerb der Völker.

 

Dr. med. Friedrich Landmann

 

Aus der Festschrift „Eden – 25 Jahre Obstbausiedelung“

 

 

Friedrich Landmann wurde 1864 in Rheydt geboren. Nach dem Abitur war er Gutseleve, später Gutsinspektor in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Pommern. 1910 erwarb er eine Heimstätte in Eden, wurde Mitglied im Aufsichtsrat und nach 1918 dessen Vorsitzender.
Als Arzt beschäftigte er sich eingehend mit Fragen der Ernährung und Gesundheit und erkannte schon früh den bedeutenden Einfluss einer richtigen, naturnahen Ernährung auf das Wohlbefinden des Menschen. Er eignete sich Kenntnisse in Biologie, dem Gartenbau und der Landwirtschaft an und setzte sein ganzheitlich orientiertes Wissen in die lebensreformerische Praxis um. Sein besonderes Engagement galt den Fragen der Boden- und Ernährungsreform. Er war es auch, der das Rezept für die "Eden-Pflanzenbutter" ausdachte und ohne persönlichen Vorteil für die industrielle Herstellung dieser hochwertigen Margarine sorgte, die damals ohne Konkurrenz war und mit der Zeit ein sehr großes Absatzgebiet fand. Sie brachte Eden den wirtschaftlichen Aufschwung.

 

 

 

 

 

 

zum Seitenanfang

 

 

Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung eG
Struveweg 501 • 16515 Oranienburg
Tel.: (0 33 01) 52 32-6 • Fax: (0 33 01) 52 32-70

E-Mail: info@eden-eg.de