Eden als Stätte der LebenserneuerungVon Friedrich Landmann, 1918
Blättert man heute in den vergilbten Werbeschriften, mit denen vor 25 Jahren zum Eintritt in die Genossenschaft aufgefordert wurde, so findet man fast auf jeder Seite die gesundheitlichen Vorzüge des Landlebens und den veredelnden Einfluss des gemeinsamen Siedelns mit Gesinnungsfreunden als besonderes Zugmittel hervorgehoben. Sicherlich war man bis zu einem gewissen Grade zu jenen Versprechungen und Erwartungen berechtigt, und es erscheint daher als eine ebenso nahe liegende wie anziehende Aufgabe, heute nach Verlauf eines Vierteljahrhunderts, zu untersuchen, in wieweit jene Erwartungen sich erfüllt haben. Nun zeigt sich allerdings bei näherer Betrachtung, dass diese Aufgabe im Wege der statistischen Erhebung nur zum kleinsten Teil zu lösen ist. Zwar sind im genannten Zeitraum über 1.000 Menschen durch die Kolonie hindurchgegangen, haben sie dauernd oder vorübergehend bewohnt, indessen ist diese Ziffer für zuverlässige vergleichende Feststellungen zu klein. Auch weicht der Altersaufbau und das Geschlechterverhältnis der Edener Bevölkerung erheblich vom Durchschnitt ab. Ferner war von Anbeginn der Zuzug von Personen, die mit einer vom städtischen Leben geschwächten Gesundheit nach Eden übersiedelten, ziemlich bedeutend. Endlich sind in Folge fortgesetzter Erweiterung des Siedlungsgeländes und dadurch bedingter ununterbrochener Zuwanderung die Verhältnisse überhaupt noch weit von dem für statistische Untersuchungen wünschenswerten Beharrungszustand entfernt. Genauere Feststellungen sind daher einstweilen nur hinsichtlich der Säuglings- und Kindersterblichkeit zu machen; auf diesen Punkt wird weiter unten noch zurückzukommen sein. Somit bleibt also unsere Untersuchung in der Hauptsache auf Betrachtungen allgemeiner Art beschränkt; diese sind aber immerhin so bedeutsam, dass sie im Gesamtbilde der Entwickelung Edens nicht fehlen dürfen und daher an dieser Stelle Platz finden mögen. Hebung der gesamten Lebenslage im Sinne wahrhaft menschlichen Fortschritts war also das Ziel, welches die Begründer der Kolonie sich gesteckt hatten. Seine Verwirklichung erstrebten sie auf zweierlei Art: das eine Mal durch die Genossenschaft, und zum anderen durch die Siedler selbst. Die Genossenschaft ging dabei von der zutreffenden Erwägung aus, dass für das gesundheitliche, seelische und sittliche Gedeihen der Siedler deren wirtschaftliches Fortkommen eine wesentliche Voraussetzung sei, weshalb sie sich zunächst eine zuverlässige bodenreformerische Grundlage schuf. Dadurch verbilligte sie das Bauen und Wohnen sowie die Bodennutzung, erleichterte das Leben und somit auch die Veredelung der Lebensführung. Indem sie ferner für einen Teil der Genossen eine, wenn auch bescheiden entlohnte, so doch sichere Erwerbsgelegenheit in den genossenschaftlichen Betrieben beschaffte, wirkte sie in gleicher Richtung. Endlich haben aber auch die durch den genossenschaftlichen Zusammenschluss den Siedlern gewährleisteten wirtschaftlichen Erleichterungen und sonstigen Einrichtungen mit dazu beigetragen, die Lebensverhältnisse in Eden auf eine gesunde Grundlage zu stellen und damit die Verwirklichung lebensreformerischer Ziele erst zu ermöglichen. So wurden z.B. zur Förderung der Körperpflege für den allgemeinen Gebrauch ein Luft- und Sonnenbad, sowie ein Spielplatz geschaffen, die Siedler mit gutem Wasser versorgt, gesundheitliche Aufklärung verbreitet usw.. Eine zweite, grundlegende Maßregel bestand in der von den Begründern Edens beschlossenen Bestimmung, dass nur Vegetarier zugelassen werden sollten. Wie aus einer späteren Satzungsänderung, durch welche jene Beschränkung aufgehoben wurde, hervorgeht, verstand man darunter jene Richtung, deren Bekenner, sei es aus gesundheitlichen, sei es aus sittlichen Beweggründen dem Fleischgenuss sowie dem Alkohol und dem Tabak entsagt haben. – Beiläufig bedeutete jene Milderung der Zulassungsbedingungen keine Preisgabe lebensreformerischer Ziele; vielmehr schreibt seitdem die Satzung vor, dass jeder Eintretende sich in beständiger Selbsterziehung einer veredelten Lebensführung zu befleißigen habe und die Grundsätze naturgemäßer Lebensweise zu befolgen bestrebt sein müsse, - was im Grunde auf dasselbe hinauskommt. Nähere Erläuterungen dazu gibt die Edener Gemeindeordnung. – Ihren alkohol- und tabakgegnerischen Standpunkt hat die Genossenschaft außerdem nicht nur – und zwar wegen der durch das schlechte Beispiel der Erwachsenen gefährdeten Jugenderziehung – für Besucher Edens durch öffentlichen Anschlag bekannt gegeben, sondern auch im inneren Betriebe durchgeführt und endlich durch das satzungsmäßige Verbot des Ausschanks geistiger Getränke und des Verkaufs von Tabakerzeugnissen im Bereich der Kolonie bestätigt. Soviel über die im Aufbau und im inneren Gefüge der Genossenschaft selbst gelegten, lebensfördernden Einflüsse. Den einzelnen Siedlern andererseits eröffnete der Übergang zur ländlichen Lebens- und Arbeitsweise – die meisten Zuziehenden kamen aus der Stadt! – mancherlei Möglichkeiten zur Hebung ihres Wohlbefindens. Die ersten Edener Pflanzer waren, wie erwähnt, Vegetarier, die das Ziel ihres Strebens, eine naturgemäße Lebensweise, bis dahin in den städtischen Verhältnissen vergebens zu erreichen versucht und meist schwer darunter gelitten hatten; nun in Eden wurden sie der Fesseln und Hindernisse mehr oder weniger ledig, je nachdem sie sich haupt- oder nebenberuflich der Landwirtschaft widmen konnten. Licht, Luft, Sonne und Raum zum Leben und Schaffen hatten sie nun genug, dazu ein sicheres Heim und gesunde Arbeit auf eigener Scholle. Wer sich ganz dem Landbau ergab, wurde auf seiner Heimstätte unbeschränkter Herr und Gebieter; an die Stelle früherer Unfreiheit und Gebundenheit trat Unabhängigkeit und ungeschmälerte Nutznießung des eigenen Arbeitsertrages. Jetzt konnte jeder seine eigene Lebensführung in allen Einzelheiten ganz nach seinem persönlichen Behagen aus- und umgestalten, konnte das Leben auf die für ihn einfachste und zuträglichste Formel bringen; in Ernährung, Kleidung, Wohnungsausstattung, Verkehrsformen: überall Wahl- und Gestaltungsfreiheit. Und je mehr städtische Gewohnheiten und Bedürfnisse man aufgab, um so zahlreichere und wertvollere, in der Natur und der Arbeit gelegene Lebensreize tauschte man dafür ein, um so einfacher, leichter und reicher wurde das Leben. Und je fester einer in Eden wurzelte, je treuer er der Mutter Erde diente, um so sichtbarer offenbarte sich die Heilkraft der Natur an ihm und den Seinen. So haben selbst körperlich und seelisch schwer erschütterte Menschen, Schiffbrüchige des Lebenskampfes, in Eden ihre Daseinsfreude und Schaffenskraft wiedererlangt. Zum mindesten aber haben alle, die Eden zu ihrer Heimat erwählten, davon einen Zuwachs an Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu verzeichnen gehabt und werden auch von der Zukunft einen Gewinn an Lebensjahren, eine Erleichterung der Bürde des Alterns und ein friedvolleres Ende erwarten dürfen. Das sind freilich nur Teilerfolge, aber das erste Siedlergeschlecht, das noch mit der ganzen Last der ererbten Kulturschäden beladen ist, muss sich zunächst an solchen genügen lassen. Anders die kommenden Geschlechter; erst an ihnen kann der ganze Segen der Rückkehr zur Natur offenbar werden. Hier kündigen sich denn auch in Eden die wohltätigen Wirkungen einer verbesserten Aufzucht der Jugend schon mit aller Deutlichkeit an. Dank ihren lebensreformerischen Grundsätzen und ihrer vertieften Einsicht in die natürlichen Bedingungen menschlichen Gedeihens haben sich die Edener Eltern von jeher eine vernünftige Säuglingspflege besonders angelegen sein lassen. Vor allem muss zum Lobe der Edener Mütter gesagt werden, dass sie es mit ihrer Pflicht, dem Kinde die erste Nahrung zu reichen, durchaus ernst nehmen. Von den bis jetzt auf Eden geborenen 132 Kindern hat denn auch mit nur zwei Ausnahmen noch keins die Mutterbrust ganz zu entbehren brauchen. Die Folge davon ist die erfreuliche Tatsache, dass Eden die günstigste Säuglingssterbeziffer unter allen deutschen Gemeinden (3,8 % nach zwanzigjährigem Durchschnitt) aufzuweisen hat! Daneben vergleiche man die bisher bekannten niedrigsten Ziffern: Gartenstadt Leichworth (England) = 5,5%, Villenkolonie Hampstead bei London = 6,6%, Gartenstadt Hellerau bei Dresden = 9%, - und andererseits den deutschen Reichsdurchschnitt (aus der Vorkriegszeit) = 18! Noch auffälliger wird der günstige Befund bei einem Vergleich mit dem Eden benachbarten Germendorf, welches seiner Lage und seinen klimatischen Bedingungen nach die gleichen Verhältnisse zeigt und trotzdem (nach zehnjährigem Durchschnitt) 18,6% Säuglingssterblichkeit zu verzeichnen hat! Die Ursache ist nicht weit zu suchen: von allem anderen abgesehen ist hier der Umstand entscheidend, dass in Germendorf mehr als die Hälfte der Neugeborenen vom ersten Tage an mit der Flasche aufgezogen wird! Sicherlich trägt zu der niedrigen Säuglingssterblichkeit auch die planmäßig betriebene Abhärtung bei; denn schon früh wird der Verzärtelung entgegengearbeitet, ja, die Abhärtung beginnt schon bald nach der Geburt. Der Säugling schläft vom ersten Tage seines Lebens an im reichlich gelüfteten Zimmer und wird schon zeitig ohne allzu ängstliche Rücksicht auf das Wetter an die Luft gebracht. Je nach der Jahreszeit bekommt er seine ersten Luft- und Sonnenbäder, noch bevor er kriechen kann. So wird ihm das Leben in Luft, Sonne und Freiheit zur zweiten Natur. Wächst das Kind heran und stellt sich auf die eigenen Füße, dann lernt es sich mit der leichtesten Bekleidung begnügen. Überkleidung, Kopfbedeckung, Schuhe, vereinzelt auch Handschuhe werden nur im Winter oder bei rauem Wetter getragen. Im Übrigen ist Barhaupt- und Barfußgehen bei der Edener Jugend im Sommer an der Tagesordnung und bürgert sich mehr und mehr auch bei den Erwachsenen ein. Die Ernährung des Kindes ist im allgemeinen einfach, meist ganz vegetarisch; dabei gedeiht es mindestens so gut wie bei jeder anderen Kost. So tritt es, körperlich wohl vorbereitet, in die Edener Schule ein, deren Anforderungen es dann auch ungleich besser genügt, als es in anderen Verhältnissen die Regel ist. Dass es gesundheitlich auch hier den Kindern anderer Schulen überlegen ist, geht z.B. aus einer vergleichenden Statistik der Schulverhältnisse hervor, nach welcher in Germendorf je Kind und Jahr 6,1, in Eden nur 4,8 wegen Krankheit versäumte Schultage gezählt wurden; - ferner daraus, dass die Edener Schule in den 22 Jahren ihres Bestehens, währenddessen sie von über 300 besucht wurde, noch keinen einzigen Todesfall zu verzeichnen gehabt hat! Wie sehr die Gesundheit und die körperliche Leistungsfähigkeit der Edener Jugend durch die verbesserte Aufzucht gehoben wird, dafür zeugen auch ihre Sportleistungen. Nicht nur werden die Spiele und Leibesübungen der jeweiligen Jahreszeit mit großer Ausdauer betrieben, sondern es sind auch von Edener Kindern auf größeren Wanderfahrten und unter schwierigen Verhältnissen Marschleistungen erzielt worden, wie sie in so jugendlichem Alter ganz ungewöhnlich sind. Durch dies alles erhält das Jungvolk eine Vorbereitung für das spätere Leben, die im Hinblick auf die mannigfachen, im Kampfe ums Dasein eintretenden Belastungsproben unschätzbar genannt werden muss, und die ihren besonderen Wert namentlich da offenbart, wo die Jugend in die Fußstapfen der Erwachsen tritt, d.h. selbständig zu siedeln beginnt. Dieser Zeitpunkt ist nunmehr gekommen, und die schwierige Aufgabe, bei welcher ehemals so mancher der Älteren erlahmt ist, findet jetzt ein neues, zu ihrer Bewältigung besser ausgerüstetes Geschlecht. Nicht nur Burschen, sondern auch Mädel gehen nunmehr ernsthaft daran, nach den auf der elterlichen Heimstätte oder auch in fremden Betrieben abgelegten Lehrjahren sich auf der Edener Scholle häuslich einzurichten und aus ihr den Lebensunterhalt zu gewinnen. Unbelastet von dem Ballast toten Schulwissens, dafür aber im Besitz gesunder Sinne und kräftiger Fäuste kann der junge Bursch, bereichert durch die ehemals für den Beruf verlorenen Militärjahre, zunächst auch noch frei von der Sorge um Weib und Kind, nunmehr in ungestörter, emsiger Arbeit die Grundlagen zu seiner und seiner Familie Zukunft legen und zugleich jenen von uns erstrebten, als „Kulturbauer“ bezeichneten Zukunftsmenschen aus sich herauszuarbeiten, in dessen höchstentwickelter Ausprägung die Erfüllung aller Lebensneuerung beschlossen liegt. – Gleichermaßen auch das Mädel, dessen wirtschaftliche Verselbstständigung zugleich das wichtigste Stück der Frauenfrage, die Befreiung aus der Hörigkeit des Mannes, seiner Lösung entgegenführt. Denn auch nach ihrer Verheiratung kann die Siedlerin fortfahren, ihre eigene Heimstätte zu bewirtschaften; sie braucht also nicht um der täglichen Notdurft willen eine ihr etwa verleidete eheliche Gemeinschaft fortzusetzen, sondern kann sich auf ihre eigene Heimstätte zurückziehen und am eigenen Herd abwarten, bis die ihr genehmen Voraussetzungen zur Fortführung des ehelichen Lebens gegeben sind. Hier könnte sich also mit der Zeit eine neue Eheform herausbilden, deren bloße Möglichkeit die Gatten schon veranlassen dürfte, sich von vornherein in eine andere Stellung zu einander zu begeben, als Gesetz und Herkommen sie ihnen bisher zum Schaden von Ehe und Familie angewiesen haben. Das wäre dann eine überaus wertvolle Nebenfrucht lebensreformerischen Siedelns, eine organische Lösung der Ehefrage, die alle seitherigen, vergeblich auf das gleiche Ziel gerichteten Bemühungen von Staat, Kirche und Gesellschaft überflüssig machen würde. Ändert man die Umwelt, so ändern sich auch die Menschen und ihr äußeres Wesen. Nach diesem Satze hätten wir nun auch noch von dem besonderen Lebensstil zu reden, der Eden sein Gepräge verleiht, und dessen Ursprung in seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eigenart begründet liegt. Zunächst offenbart sich dieser neue Stil, und zwar unter dem richtunggebenden Einfluss gesundheitlicher Ziele, mehr in Äußerlichkeiten, wie Wohnung, Kleidung, Bräuchen und Verkehrssitten. Von der Wohnung ist einstweilen noch am wenigsten zu sagen; sie wird, wenn überhaupt, wohl erst zu allerletzt den Edener Stil verkörpern, namentlich im Äußeren. Die inneren Ausstattung freilich zeigt vielfach schon jetzt die Neigung, zu einfachen, bäuerlich-gediegenen und gesundheitlich einwandfreien Formen zurückzukehren, ohne dass jedoch bisher eine ausgeprägte Eigenart dabei ersichtlich würde. Deutlicher schon beginnt die Kleidung, namentlich die weibliche, sich zu wandeln; ob hier eine neue Tracht sich ankündigt, ist noch nicht entschieden, sicherlich gelangen aber auch hier die gesundheitlichen Gesichtspunkte immer mehr zur Geltung. Zum mindesten darf man behaupten, dass die herrschende Frauenmode in Eden ihre Rolle bald ausgespielt haben wird; denn wo sie gelegentlich bei neu Zuziehenden noch auftaucht, wird sie bereits als etwas Fremdes, Überlebtes empfunden. Am meisten fortgeschritten ist die Abkehr von der bisherigen Bekleidungs-Unnatur bei den Mädchen und bei der jüngeren Frauenwelt; das Korsett z.B. ist schon gänzlich verschwunden, ebenso der modische Schuh und der Sonnenschirm, z.B. auch der Muff; ein Hut wird, wenn überhaupt, nur noch außerhalb der Kolonie getragen. Das Eigenkleid herrscht vor; die alten, gediegenen Stoffe werden bevorzugt; die Anfertigung geschieht vielfach von eigener Hand. Im übrigen namentlich die Arbeitskleidung, auch bei den Männern, so leicht uns einfach wie möglich, so wie es eben das Freiluftleben, die Rücksicht auf Hautpflege und Abhärtung verlangt. Was sodann die Lebensführung und ihre Wandlung betrifft, so war oben bereits mehrfach davon die Rede; auch hier handelt es sich zunächst um den äußeren Menschen. Neben den schon erwähnten Einzelheiten kämen an sonstigen gesundheitsfördernden, mehr oder weniger eingebürgerten Gewohnheiten noch in Betracht: Körperpflege aller Art, je nach dem medizinischen Glaubensbekenntnis des einzelnen, verbesserte Ernährungsgebräuche, zeitiges Schlafengehen und Aufstehen, geregelte Lebensweise, Maßhalten im Genießen, Bevorzugung ländlicher Daseinsfreuden gegenüber den städtischen, Vermeidung des Müßiggangs, bei Kindern auch die frühzeitige Anleitung zu nutzbringender Tätigkeit auf der Heimstätte usw. Dank dieser besonderen Lebensrichtung ist denn auch im Edener Einzel- und Gemeinschaftsleben die Grundstimmung eine freudige, lebensbejahende, und dies in Verbindung mit der besseren wirtschaftlichen Lage und den sonstigen Gewohnheiten und Grundsätzen äußert sich naturgemäß in erhöhter Widerstandskraft im Daseinskampfe. Es sind z.B. auch die Nöte und Schäden des Krieges in Eden wesentlich leichter getragen worden als irgendwo anders; denn was man zu deren Überwindung der übrigen Bevölkerung noch erst von amtswegen als neuen und außergewöhnlichen Heilsweg predigen musste, das war in Eden von jeher eine Selbstverständlichkeit gewesen. Das Vorstehende leitet noch zu einer Betrachtung anderer Art über. Bekanntlich steht mit der leiblichen und wirtschaftlichen Gesundung die Hebung der Sittlichkeit in enger Wechselwirkung. Es drängt sich daher an dieser Stelle die Frage auf, wie es denn in diesem Punkte in Eden bestellt sei. Sind die Edener in Eden gesitteter, verträglicher, menschlicher geworden, als sie vordem waren, oder als sie es in der Stadt geblieben wären? Hat heute ihre Jugend schon mehr Tugend, als den Eltern eigen war? Wer die Menschennatur kennt, wird hier gewiss noch keinen zu schnellen Fortschritt erwarten. Andererseits ist aber auch für die Beantwortung dieser Frage zunächst und hauptsächlich die Besonderheit der Edener Bevölkerung ausschlaggebend. Eden wurde aber nicht nur von solchen Menschen aufgesucht, die sich in der Stadt gesundheitlich bedroht fühlten, sondern auch von solchen, die von dem städtischen Leben und Treiben angewidert wurden und sich nach einer reineren Umwelt sehnten; bei den meisten mögen beide Beweggründe vereint gewirkt haben. So wurde Eden vorzugsweise ein Zufluchtsort von Leuten mit anständiger Gesinnung, und das ist es, was ihm zunächst seine gesellschaftliche Prägung verlieh. Als Grundzug der Edener Kultur darf man daher neben dem Drang nach Gesundheit und Freiheit auch das Streben nach Sittlichkeit bezeichnen, und dieser Grundzug beginnt sich je länger um so mehr durchzusetzen, dank dem Zustrom an lebensreformerischem Wollen, der in der beginnenden Gesundung und Aufartung der Bevölkerung seine Quelle hat. Man braucht nicht all zu lange auf der Kolonie gelebt und verkehrt zu haben, um zu erkennen, dass das öffentliche Gewissen bereits stark genug ist, um manchen gegenteiligen Einflüssen den Weg zu verlegen, und dass die Mehrzahl der Edener bewusst auf eine gesundere Luft im Genossenschafts- und Einzelleben, in Ehe und Familie hinarbeitet. Erleichtert wird dieses Streben durch mancherlei Umstände: durch die Verbannung des Friedenstöters Alkohol, durch Ausschaltung oder Milderung von Gegensätzlichkeiten, die in Standesunterschieden und wirtschaftlichen Abhängigkeiten gelegen sind; weiterhin auch – und dies ist bei der geistigen Buntscheckigkeit der Edener Bevölkerung von besonderer Bedeutung! – durch pflichtgemäße Duldsamkeit gegenüber anderen Meinungen und Überzeugungen. Ferner bringt die in Eden vorherrschende Wohnweise – Einfamilienhaus – es mit sich, dass die zahlreichen Reibungsflächen fortfallen, die bei den zusammengepferchten Stadtmenschen zu nie endenden Zwistigkeiten führen. Schließlich ist aber auch der Landbau derjenige Beruf, der die Nerven am meisten schont, das seelische Gleichgewicht erhält und den äußeren und inneren Frieden fördert. Dies alles macht zwar aus Eden noch lange kein Paradies – es menschelt selbstverständlich auch hier! -, schafft aber doch eine Umwelt, in der auch fortgeschrittene Lebensreformer sich wohl fühlen können, und die sich neben städtischen Verhältnissen immerhin schon sehen lassen kann. So z.B. will es doch schon etwas bedeuten, wenn während des 25jährigen Bestehens der Edener Gemeinde noch kein Mitglied derselben in einen Strafprozess verwickelt wurde, und wenn die zur Rettung und Hebung verelendeter, sittlich gesunkener Menschen bestehenden Einrichtungen bisher noch in keinem einzigen Falle von Eden aus in Anspruch genommen zu werden brauchten. Für die Umgangssitten bezeichnend ist auch z.B. die Tatsache, dass man – dies ist eine persönliche Erfahrung! – jahrelang als Mann auf Eden leben und vorzugsweise in Männergesellschaft verkehren kann, ohne auch nur eine einzige Zote zu hören, und dass der viel beklagte, über die Maßen rüde Ton der städtischen Jugend sich bei den Edener Kindern trotz mancher unvermeidlichen Berührung mit der Außenwelt nicht einzubürgern vermocht hat. In dieser Verbindung sei auch noch der wohltätigen Wirkung gedacht, die die Lösung der Bodenfrage durch genossenschaftlichen Zusammenschluss auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens und auf die Gesittung auszuüben vermag. In Eden ist ja das gesamte Siedlungsgelände gemeinsames, für ewige Zeiten unverkäufliches Eigentum; der Siedler ist lediglich Nutznießer des Bodens, und so wird bei ihm jede Neigung zu bodenwucherischer Betätigung schon im Keime erstickt. Auch für den Fall des Verkaufs von Haus und Kulturen ist durch Vertrag und Satzung Vorsorge getroffen, dass eigensüchtige Bestrebungen im Zaume gehalten werden. Andererseits bewirkt diese genossenschaftliche Ordnung, dass Eden rechtlich ein Privatgrundstück darstellt, von dessen Betreten ein jeder, dessen auch nur vorübergehende Anwesenheit unerwünscht ist, ausgeschlossen werden kann. Die Verwaltung übt das Hausrecht und wacht darüber, dass die lebensreformerischen Ziele der Siedlung von niemandem gefährdet werden; sie beschränkt also ganz bewusst die Freizügigkeit und Gewerbefreiheit. So wird z.B. kein Alkoholausschank geduldet; Eden ist daher bis jetzt die erste und einzige „trockengelegte“ Gemeinde in Deutschland. So könnte sich in Eden auch keine Schlächterei, kein Tabakladen, kein Vertrieb von Schmutzliteratur, kein „modernes“ Kino, kein Tingeltangel, kein Bordell, keine Spielhölle kein Wettbüro auftun; derartige Betriebe würden schon an der Schwelle der Kolonie zurückgewiesen werden. Diese planmäßige Sauberhaltung der Siedelung von mehr oder weniger anrüchigen Gewerben kommt naturgemäß am meisten der Jugendpflege zu Hilfe; denn man weiß ja, wie sehr unter anderen Verhältnissen das schlechte Beispiel der Erwachsenen die Erziehung erschwert. Dass aber einem derartigen Vorgehen der Erfolg nicht versagt bleibt, lehrt das Edener Beispiel insbesondere auf dem Gebiet der Alkohol- und Tabakbekämpfung. Wurde doch erst kürzlich bei einer in der Edener Schule veranstalteten Erhebung die bemerkenswerte Feststellung gemacht, dass 4/5 der Kinder (in allen Altersklassen von 6 bis 14 Jahren) noch niemals geistige Getränke genossen hatten, und auch bei den übrigen handelte es sich nur um ganz vereinzelte Gelegenheiten meist außerhalb Edens; von gewohnheitsmäßigem Genuss war in keinem einzigen Falle die Rede. Dementsprechend hatten sämtliche Kinder noch niemals in Eden, 3/5 von ihnen aber überhaupt noch nie einen Betrunkenen gesehen. Was andererseits das Kulturlaster des Rauchens betrifft, so ist es Tatsache, dass jene leidige Verkörperung städtischer Jugend-„Kultur“, der Zigarren rauchende halbwüchsige Bengel, in Eden eine unbekannte Erscheinung ist. Streifen wir schließlich noch in Kürze das sittlich am meisten darniederliegende Lebensgebiet, das geschlechtliche, so liegen auch hier bereits Anzeichen dafür vor, dass das genossenschaftliche, auf innere Erneuerung gerichtete Zusammenleben der Gesundung vorarbeitet. Es darf die Behauptung gewagt werden, dass Eden schon heute frei ist von Prostitution und Geschlechtskrankheiten, und dass auch die Zeit wohl nicht mehr ferne ist, wo auch die bekannten Verfallserscheinungen des ehelichen Lebens mehr und mehr verschwinden dürften. Dem Eingeweihten sind die Anfänge dazu schon jetzt nicht verborgen. Nach alledem gelangen wir zu dem Schluss, dass Eden einen aussichtsreichen Weg bestritten hat, um inmitten des allgemeinen Niederganges eine Stätte aufsteigenden Lebens zu schaffen, und zwar ganz ohne fremde, insbesondere staatliche oder kirchliche Unterstützung, einzig auf die im Volke selbst wirksamen Kräfte gestellt. Hält es daher auch fernerhin an seinen Grundsätzen fest, wehrt es dauernd alles ab und schaltet es alles aus, was an fremdem Wesen sich zudrängt oder einschleicht, gelingt es ihm vor allem, die Jugend auf seiner Scholle heimisch zu machen, dann wird hier dermaleinst das Ziel der Lebensreform, die bewusste Erfüllung der natürlichen Lebensbedingungen, restlos verwirklicht werden.
Dr. med. Friedrich Landmann
Aus der Festschrift „Eden – 25 Jahre Obstbausiedelung“
Friedrich Landmann
wurde 1864 in Rheydt
geboren. Nach dem Abitur war er Gutseleve, später Gutsinspektor in einem
landwirtschaftlichen Betrieb in Pommern. 1910 erwarb er eine Heimstätte
in Eden, wurde Mitglied im Aufsichtsrat und nach 1918 dessen
Vorsitzender.
Als Arzt beschäftigte er sich
eingehend mit Fragen der Ernährung und Gesundheit und erkannte schon
früh den bedeutenden Einfluss einer richtigen, naturnahen Ernährung auf
das Wohlbefinden des Menschen. Er eignete sich Kenntnisse in Biologie,
dem Gartenbau und der Landwirtschaft an und setzte sein ganzheitlich
orientiertes Wissen in die lebensreformerische Praxis um. Sein
besonderes Engagement galt den Fragen der Boden- und Ernährungsreform.
Er war es auch, der das Rezept für die
"Eden-Pflanzenbutter" ausdachte und ohne persönlichen Vorteil für die
industrielle Herstellung dieser hochwertigen Margarine sorgte, die
damals ohne Konkurrenz war und mit der Zeit ein sehr großes Absatzgebiet
fand. Sie brachte Eden den wirtschaftlichen Aufschwung.
|
Eden
Gemeinnützige Obstbau-Siedlung eG
Struveweg 501 • 16515 Oranienburg
Tel.: (0 33 01) 52 32-6 • Fax: (0 33 01) 52 32-70
E-Mail: info@eden-eg.de