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Gründung und Entwicklung Edens

von Oskar Mummert, 1918

 

Es war am 28 Mai 1893, als im Vegetarischen Speisehaus Ceres in Berlin von 18 Vegetariern die, wie die damalige Bezeichnung lautete, „Vegetarische Obstbau Kolonie Eden eGmbH" gegründet wurde. Unter diesen Männern finden wir den bekannten Rechtsanwalt und Justizrat Volkmar, den Berliner Arzt Dr. Fehlauer, den späteren langjährigen Redakteur der „Vegetarischen Warte" Dr. med. Selß u.a.

Der Einberufer war der Kaufmann und Lebensreformer Bruno Wilhelmi, dem es leider nicht vergönnt war, die Blüte des Werkes zu erleben, das er ins Dasein rufen half. Er war es auch, der die ersten Satzungen entworfen hat. Sie lehnten sich zum Teil an die Satzungen der schweizerischen Siedlung „Heimgarten“ bei Bülach (Schweiz) an, die unter hervorragendem Anteil des bekannten Volkswirtschaftlers Sponheimer begründet worden war.

 

 

 

Vegetarisches Speisehaus „Ceres“ in Berlin

 

 

Wenn Sponheimer in der Siedlung von vegetarisch lebenden Menschen „die erfolgreichste Gegenwehr gegen den Industrialismus unserer Zeit" erhoffte, so folgte er damit dem eigentlichen Vater aller neueren lebensreformerischen Bestrebungen, Eduard Baltzer.

Schon lange vor Eden war in Deutschland, der Schweiz, selbst im Orient immer wieder der Versuch gemacht worden, vegetarische Siedlungen ins Leben zu rufen. Dass Eden diese Bestrebungen mit dem Grundsatz des gemeinsamen Bodenbesitzes verband und dauernd an diesem Grundsatz festhielt, das war seine große Tat, die starke Stütze seiner Kraft und wurde entscheidend für sein Geschick. Wenn die Wahl des Siedlungsgeländes, inmitten der sandigen Mark, eine Eisenbahnstunde von Berlin, 45 Wegminuten vom Bahnhof Oranienburg, später getadelt wurde, so konnte sich diese Wahl immerhin auf das günstige Urteil eines Gärtners und eines Kulturingenieurs stützen. Andererseits aber konnte Eden sich fernab vor der allgemeinen Heerstraße in völliger, ländlicher Abgeschiedenheit am besten zu seiner richtungsgebenden Eigenart selbständig entwickeln. Es war gleichsam ein Versuch in Reinkultur.

Und soviel war gewiss, dass die Kühnheit, auf dem Sande der Mark Brandenburg Edelobstbau zu treiben, von vornherein zur höchsten Anstrengung, zu dauernder intensiver Willensanpassung zwang. Gelang dieser Versuch einer lebensreformerischen Siedlung hier, auf dieser kargen Scholle, dann war da Gesundheit und Fruchtbarkeit des Gedankens für das Land erwiesen und die Wiederholung unter günstigeren Bedingungen musste dann umso mehr gelingen.

Wie schwer es war, Edens Ziele klar und sicher festzulegen, das bewies die erste satzungsgebende Versammlung, die ungeachtet der Vorarbeiten eine fast achtstündige Beratung zeitigte. Der Antrag, die Satzung möglichst getreu der von Heimgarten zu gestalten, wurde abgelehnt und Wilhelmis Entwurf nach vielen Seiten gründlich abgeändert. Es war segensreich für die Entwicklung der Kolonie, dass sie sich von Anfang an eine eigene Grundlage schuf. Am 12. Juni erfolgte die gerichtliche Eintragung der Genossenschaft, am 12. Juli wurde der Kauf abgeschlossen. Am 25. August war die Zahl der angemeldeten Genossen bereits auf 26 gestiegen. In der Sitzung vom 14. September wurde der erste Plan zur Aufteilung vorgelegt und genehmigt.

 

 

 

Schon gleich am Anfang trat eines der Grundübel aller genossenschaftlichen Zusammenschlüsse, die lässige Mitarbeit mancher Genossen, so peinlich zu Tage, dass zwei der gewählten Aufsichtsratsmitglieder wegen ungenügender Beteiligung an der Erledigung der laufenden Geschäfte gezwungen wurden, ihre Ämter niederzulegen.

Noch ehe mit der Anpflanzung der Anfang gemacht werden konnte, begannen die Schwierigkeiten, die aus der Wahl des Geländes erwuchsen, schwere Sorge zu bereiten. In der Sitzung vom 21. Oktober musste die Befürchtung geäußert werden, dass wegen zu hohen Grundwasserstandes einzelne Teile zum Obstbau sich untauglich erweisen würden. Hat sich auch diese Befürchtung in den späteren Jahren als unbegründet erwiesen, so hat doch der hohe Grundwasserstand die ersten Anpflanzungen sehr erschwert. Man musste zur Hügelpflanzung greifen und einzelne Teile, nach holländischem Vorbild, durch Aushebung von Gräben nutzbar machen, indem man den ausgehobenen Boden zur Anhöhung der zwischenliegenden Landstreifen benutzte. Später ist durch die in jahrelangem Rechtsstreit gegen widerstrebende Anlieger erzwungene Reinigung des am Südwestende durchlaufenden Muhrgrabens sowie durch andere Maßnahmen der Spiegel des Grundwassers soweit gesenkt worden, dass in den folgenden Jahren zu Klagen in dieser Richtung kaum noch Veranlassung war.

Das der Besiedelung erschlossene Gelände wurde in einzelne „Heimstätten" von 2800 qm aufgeteilt. Der Boden des Geländes besteht aus humosem Sand, der stellenweise Lehm- und Mergeleinlagerungen aufweist. Das Klima wurde von Pessimisten als viel zu kühl bezeichnet; hier sei ja „neun Monate im Jahr Winter". Richtig ist an dieser Beurteilung soviel, dass hier nur bestimmte Obstsorten mit Erfolg angebaut werden konnten. Ehe die Siedlung "eingewachsen" war, gab es noch manchen harten Kampf mit den Frühjahrsfrösten, die oft die erste Blüte wegrafften und mit den Herbststürmen, die viel noch nicht ganz ausgereiftes Obst von den Bäumen schüttelten.

 

 

 

Siedler beim „Rigolen“

 

 

Ein Umstand muss bei der Wertung der Edener Arbeit ganz besonders berücksichtigt werden: Die ersten Siedler waren meist Laien im Gartenbau. Erst nach und nach ist das Wissen und Können an der Aufgabe selbst erstarkt und durch Zuzug sachverständiger Siedler verbessert worden.

Nachdem die Einteilung des Geländes festgelegt war, konnten zu Weihnachten 1893 vom Vorstand und Aufsichtsrat die ersten Arbeiten besichtigt werden. In der Wahl der Sorten, der Art der Anpflanzung, der Düngung suchte man mit heißem Bemühen in den Sitzungen des gewählten gärtnerischen Ausschusses unter den herrschenden Theorien das passendste sich anzueignen, aber auch der größte Eifer vermochte die fehlenden Fachkenntnisse nicht zu ersetzen und für manches, was damals beschlossen wurde, musste später schmerzliches Lehrgeld gezahlt werden.

Im Januar 1894 wurde der Geschäftsführer Wilhelmi mit einem Jahresgehalt von 2400 Mark angestellt, einem Gehalt, das späteren Geschäftsführern wesentlich verringert werden musste, weil die junge Genossenschaft es zunächst nicht aufzubringen vermochte. Der erste Gärtner anderseits musste sich mit einem Gehalt von 800 Mark begnügen. Verhängnisvoll war es für die Anfänge Edens, das die Tätigkeit des ersten Geschäftsführers nicht von langer Dauer war, denn bereits im März 1895 finden wir Wilhelmi durch den neuen Genossen Scheffler ersetzt. Es ist notwendig hier darauf hinzuweisen, dass nicht so sehr die Schwierigkeiten der siedlerischen Arbeit als die Wesensart des ersten Geschäftführers dessen kurze Amtsdauer verschuldeten.

 

 

 

Bruno Wilhelmi

 

 

Wilhelmi war aus Neigung mehr Kaufmann als Landwirt und vermochte daher der Aufgaben seiner Stellung in wichtigen Punkten nicht gerecht zu werden. Es waren denn auch schließlich seine nicht sehr glücklichen kaufmännischen Unternehmungen, die zu seinem frühen Ausscheiden Veranlassung gaben. Wilhelmi gedachte durch ein Versand- und Verkaufsgeschäft vegetarischer Lebensmittel mit Laden in Oranienburg für die Siedlung die nötigen Gelder zum Ausbau zu beschaffen, ein Missgriff mit üblen Folgen für die Genossenschaft. Das Handelsgeschäft nahm die knappen Mittel und Kräfte ganz in Anspruch, sodass die eigentlichen Siedlungsaufgaben vernachlässigt wurden. Dagegen lehnten sich die Siedler mit Recht auf; das Geschäft in Oranienburg musste leider mit Verlust aufgelöst werden. Auch der vor Wilhelmi erst betriebene Verkauf von Steinmehldünger, der anfangs sogar in den Satzungen als Unternehmen der Genossenschaft genannt wurde, stellte sich als unlohnend heraus und wurde aufgegeben.

Waren noch die ersten Gründer und Siedler Vegetarier, so sah sich doch bereits die erste außerordentliche Generalversammlung vom 25. Februar 1894 gezwungen, auch Nichtvegetariern die Beteiligung an dem Unternehmen zu gestatten, vorerst freilich nur geldlich, „sofern sie die Bestrebungen der Genossenschaft fördern wollten". Der Kreis der Vegetarier erwies sich also als nicht tragfähig genug für die neue Gründung. 1901 musste, wegen lebhafter Beteiligung von Nicht-Vegetariern, das Wort „Vegetarische" im Geschäftsnamen gestrichen werden.

Wie langsam die junge Genossenschaft vorwärts kam, zeigt die Tatsache, dass erst 7 Monate nach der Gründung es dem Geschäftsführer möglich war, sich eine Schreibhilfe zu leisten und auch diese nur in Gestalt eines Schulkindes. Als erstes genossenschaftliches Gebäude wurde ein Wirtschaftsschuppen errichtet.

Ein Jahr nach der Gründung waren bereits 22 Heimstätten verpachtet. Am 24. Juni 1894 wurde das erste Stiftungsfest mit über 130 Personen gefeiert. Die Genossenschaft war, nachdem im Jahre 1895 das Handelsgeschäft mit Nährmitteln aufgeholt hatte, daran gegangen, ihren Konsum zu organisieren durch Gründung eines Konsumgeschäfts lediglich für die Genossen. Für einige Jahre war die Nährmittelhandlung einem Genossen vertraglich als Eigenunternehmen überlassen worden, mit Gewinnbeteiligung der Genossenschaft. Mit dem Anwachsen der Siedlung genügte diese Form den genossenschaftlichen Belangen nicht mehr; das Geschäft wurde in unmittelbare Verwaltung der Genossenschaft genommen und einem Abteilungsleiter unterstellt. Das Betriebskapital brachten die Genossen zunächst durch 4 % verzinsliche „Anteile" zu je 30 Mark auf. Das Geschäft entwickelte sich ständig und erfüllte seine Aufgabe: Versorgung der Ansiedler mit guten Waren zu mäßigen Preisen aufs Beste.

Der erzielte Gewinn ist zunächst im Betriebsstock aufgespart worden, aus dem nach einigen Jahren die Anteilscheine zurückgekauft wurden, sodass er nun zur zinsfreien Verfügung stand. Die alljährlichen Überschüsse waren ein willkommener Zuschuss für die Schule und andere Wohlfahrtsaufgaben der Genossenschaft.

Im Frühjahr 1894 war mit den ersten Anpflanzungen begonnen worden und 6 Jahre später konnte die erste Werbeschrift schon 15.000 Obstbäume, 50.000 Beerensträucher, 3.000 Haselnusssträucher, 20.000 Rhabarberstauden und 200.000 Erdbeerstauden zählen.

Im November 1894 zählte Eden bereits 92 Mitglieder, darunter den Freund Richard Wagners. Professor Karl Klindworth, der bis wenige Tage vor seinem Tode in der Kolonie wohnte, ihr als Genosse im Aufsichtsrat und als Förderer sonst noch wertvolle Dienste leistete und bis zum Tode treu blieb. Zur selben Zeit mit ihm trat der um die Geschichte Edens hochverdiente und deshalb unvergessene Landgerichtsrat Krecke in die Genossenschaft ein; auch er ist ihr bis zu seinem leider zu frühen Tod (1904) treu geblieben.

 

 

 

 

Im Sommer 1894 wurde als erstes größeres Bauwerk das Verwaltungsgebäude errichtet, das zum Teil auch als Wohnhaus diente. Schon damals kündigten sich die Schwierigkeiten, die in der Bewirtschaftung des genossenschaftlichen Eigenbetriebes mit mehr oder weniger geeigneten Genossen lagen, in besonderen Verfügungen der Kolonieverwaltung an: So musste z.B. schon kurz nach Beginn der Genossenschaftsarbeiten beantragt werden, dass dem gärtnerischen Oberleiter mehr Autorität gesichert werden müsse und die einzelnen genossenschaftlichen Arbeiter anzuhalten seien, „sorgfältiger mit dem Genossenschaftseigentum umzugehen". Höchst förderlich erwies sich die Mitarbeit des neueingetretenen Genossen, Landwirt Scheffler, der 1895 - und zwar ehrenamtlich - Wilhelmi in der Geschäftsführung ablöste und sich durch die Organisation der Geldbeschaffung durch die Begründung der Oranienburger Bau- und Kreditgesellschaft im Zusammenwirken mit Landgerichtsrat Krecke sehr verdient gemacht hat. Jahrelang ist er der Kolonie ein gesinnungsfester, sittlich untadeliger, hilfreicher Berater gewesen, der oft in kritischen Augenblicken mit opferreicher Hand eingriff. Man nannte ihn „das Gewissen Edens" und es ist nur zu bedauern, dass die zu scharf ausgeprägte Eigenart Schefflers 1905 zur Trennung zwischen ihm und der Kolonie führen musste.

Dank der neugegründeten Oranienburger Bau- und Kreditgesellschaft gelang es, die Bautätigkeit zu beleben: Es wurde alsbald zum Bau von drei Häusern geschritten, deren Ausführung die Gesellschaft übernahm. Von nun an entwickelte sich die Siedlung etwas günstiger. Der Geschäftsbericht von 1895 wies einen Überschuss von 1.500 Mark auf. Die Zahl der Genossen, die bis dahin Heimstätten erworben hatten, betrug 45.

Der Sitzungsbericht des Aufsichtsrats und Vorstandes vom 13. September 1896 erwähnt zum ersten Mal den neuen Genossen Schirrmeister, der 1897 in den Vorstand eintretend, für das Bekanntwerden Edens wegen seiner gründlichen Kenntnis des Siedlungsproblems, unterstützt durch eine erfolgreiche Redner- und Werbetätigkeit, eine wichtige aufbauende Arbeit zu leisten berufen war.

 

 

 

Frauen bei der Feldarbeit

 

 

Eine große Sorge war in den Anfangsjahren die Beschaffung von Wasser, ohne das eine Siedlung nicht bestehen konnte. Die ersten Siedler behalfen sich vielfach mit Grundwasser-Schöpflöchern; nach und nach entstanden dann auf den meisten Heimstätten abessinische Brunnen. Das Wasser der Brunnen war aber von verschiedener Beschaffenheit und an vielen Stellen wegen Eisenhaltigkeit nicht zum Genuss geeignet. Die heranwachsenden Obstanlagen und noch mehr die zum wirtschaftlichen Bestehen nötigen Unterkulturen waren in heißen Sommern durch Mangel an ausreichender Bewässerung gefährdet und die Schaffung einer allgemeinen Wasserversorgung wurde eine dringende Aufgabe. Es war natürlich in erster Linie eine Geldfrage. Ein eigenes Wasserwerk mit Tiefbrunnen sollte nach dem billigsten Angebot einer Leipziger Firma ca. 40.000 Mark kosten. Diese standen damals nicht zur Verfügung. Bis 1901 zogen sich Verhandlungen mit dem Wasserwerk Oranienburg über Legung eines Rohrstranges über den Kanal nach Eden hin. Das Werk musste 30.000 Mark hierfür aufwenden und verlangte als Sicherheit für die Verzinsung (Wasserentnahme) auf 10 Jahre Eintragung einer Sicherungshypothek vor 20.000 Mark. Die Genossenschaft bekam von ihrem Mitglied Robert Leusch die zum Ausbau des Verteilungsnetzes in der Siedlung erforderlichen 20.000 Mark als Hypothekendarlehen und so schloss man den Vertrag mit dem Wasserwerk, das den gesamten Ausbau des Rohrnetzes im Sommer 1901 ausführte. Jede Heimstätte bekam nun Wasseranschluss und der Ansiedler konnte auf seinem Lande nach Bedarf und Wunsch die Leitung ausbauen.

Von Anfang an hatte man auch danach gestrebt, in Eden eine eigene Schule zu errichten, um die Edener Grundsätze auch im Jugendunterricht zur Geltung zu bringen und die Kinder vor dem Drill der bloßen Lernschule zu bewahren. Die Grundgedanken gingen zurück auf die Ideen eines Rousseau und die praktische Lebensarbeit Pestalozzis, Fröbels und anderer. Ostern 1897 trat diese Schule ins Leben, anfangs nur für die ersten drei Schuljahre bewilligt und von 6 Kindern besucht. Im Herbst wurde die Schule bei steigender Kinderzahl zu einer Volksschule ausgebaut und der eingereichte Lehrplan genehmigt. Von 1897 bis 1899 unterrichtete der Lehrer Thierfelder, von da bis 1900 Lehrer Lehmann. Danach begannen die Lehrernöte der jungen Schule, für die sich ein ständiger Lehrer zunächst nicht finden wollte. Im April 1904 wurde der Lehrer Dittmann angestellt, dem vier Jahre später Lehrer Kohnert folgte, der aber durch den Krieg (1916 gefallen) der Edener Schule entrissen wurde. Menschen erziehen zu helfen mit Arbeitsfreudigkeit, mit natürlicher Auffas­sung und ungebrochener Willenskraft, gesund an Leib und Seele, das ist das Ziel der Edener Schule.

 

 

 

Unterricht im Freien

 

 

1897 war zum ersten Mal auf Antrag des 2. Vorstandsmitgliedes Paul Schirrmeister die Siedlung auf dem Bundestag des Vegetarierbundes vertreten. Im selben Jahr hatte man die Gründung eines vegetarischen Pensionshauses in die Wege geleitet.

Eden war ja zunächst als Zufluchtsort für stadtmüde Vegetarier gedacht, die hier wie im Paradies in einer Art von schwärmerischer Naturverehrung die reifen Früchte ohne sonderliche Mühe von den Bäumen schütteln wollten. Diese Einbildung musste freilich gar bald einer nüchternen Wirklichkeit Platz machen, denn die „reichen" Vegetarier, auf die man auch gehofft hatte, blieben aus oder zeigten sich in ihrer Schwarmgeisterei als völlig wertlos für ernste Siedlungstätigkeit. Auch das damals gegründete vegetarische Pensionshaus krankte bald an Besuchermangel und ist durch Jahre das Sorgenkind der Genossenschaft gewesen.

Wie sehr der harte Kampf ums Dasein die Erfüllung wichtiger lebensreformerischer Forderungen hemmte, geht auch daraus hervor, dass es nur schwer gelingen wollte, eine gemeinsame Freiluft-Badeeinrichtung in Eden zu schaffen. Man begnügte sich mit der Benutzung eines kleinen Luft- und Wasserbades, das am Westende durch Aushub eines kleinen Teiches und Anpflanzung eines Wäldchens entstand. Aber auch dieses kleine Luft- und Wasserbad wurde bald nur noch wenig benutzt, da viele Siedler mit der Zeit eine eigene Badegelegenheit, ja selbst ein kleines Luftbad sich schufen. Denn die „im Bade" oft leidenschaftlich und zumeist von Unberufenen und Gästen gepflogenen Redeschlachten um die „bessere" Siedlungsform, Lebensweise, Verwaltung und was sonst noch alles, veranlassten die Edener bald, lieber im Frieden der eigenen Heimstätte ihr Luft- und Sonnenbad zu genießen.

 

 

 

Im Sonnenbad

 

 

Auf Antrag des Genossen Schirrmeister wurde im Mai 1898 zur Konservierung des nicht verkauften Frischobstes geschritten. Ein kleiner Dampfkessel und ein kleiner Dunstschrank wurden angeschafft. Schirrmeister, der hier nach alten Familienrezepten arbeitete, nahm, unterstützt von seiner Frau, die ersten Einkochungen vor, deren Erzeugnisse infolge ihrer Güte und empfohlen durch den Namen der Obstbau-Siedlung so guten Absatz fanden, dass der kleine Betrieb von Jahr zu Jahr vergrößert werden musste und schließlich, von der Genossenschaft selbst übernommen, sich zu dem stattlichen Fabrikbetrieb der Edener Obstverwertung ausgewachsen hatte.

Neben den einzelnen Ausschüssen, die zur Erleichterung der Geschäftsführung eingerichtet worden waren, kamen die Genossen alle Wochen stets am Donnerstag in den „Wochenversammlungen" zusammen, um über wirtschaftliche Fragen und allgemeine Siedlungsangelegenheiten zu beraten und die Berichte der Körperschaften entgegenzunehmen. Aber nicht nur in diesen freien Zusammenkünften, sondern auch bei den Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen waren die Genossen zugegen. In einer völligen Verkennung demokratischer Grundsätze hatte auch in diesen Sitzungen der gewählten Körperschaften jeder Genosse das Recht, fortgesetzt die Träger seines Vertrauens zu kontrollieren und zu kritisieren. Diese Überspannung des demokratischen Gedankens musste natürlich die Arbeit der verantwortlichen Körperschaften maßlos erschweren. Es dehnten sich denn auch diese Sitzungen oft bis tief in die Nacht aus und nach heftig gepflogener Rede und Gegenrede trennte man sich spät, mit heißen Köpfen, um allerdings am nächsten Tag, als gute Genossenschaftler, sich wieder vereint an die Arbeit zu machen.

Das Wachsen der Geschäfte und der Verantwortungspflicht führte allerdings bald dazu, dass diese Allgemeinzugänglichkeit der Aufsichtsrats- und Vorstandssitzungen aufgehoben wurde. Die gewählten Männer des Vertrauens waren nach der Wahl meist der Gegenstand des Misstrauens einer Minderheit, die - immer wechselnd - zu keiner Zeit ganz fehlte, eines Misstrauens, das sich oft bis zu hässlicher Verdächtigung, ja bis zur Bezichtigung der Untreue versteigen konnte. Hier ist unnütz viel schaffende Kraft zermürbt, viel ehrliche Begeisterung ernüchtert worden. Ein Schicksal, das leider in allen Gemeinsamkeitsgründungen immer wiederkehrt.

Für die wirtschaftliche Lebensfähigkeit einer Siedlung, für die Festlegung ihrer Wegrichtung, für ihre sozial-ethische Wertung sind stets diese ersten Jahre entscheidend. Eden durfte in einer Atempause nach dieser Zeit sich stolzbescheiden sagen: Die Zukunft ist unser! Eden hat nicht nur den Nachweis erbracht, dass selbst im Sande der Mark, in nördlichen Breiten unseres Vaterlandes Edelobstbau bei intensiv-rationeller Wirtschaft möglich sei. Was viel wichtiger war, nicht nur für Eden, sondern für die Zukunft des Siedelns überhaupt, das war der aus Edens erstem Entwicklungsringen sich aufdrängende Beweis für die alles bezwingende Macht der genossenschaftlichen Gemeinsamkeitsarbeit.

 

 

 

 

Die 18 Gründungsmitglieder:

Oskar Sadlowsky, Bankbeamter

Dr. med. C.H. Fehlauer, praktischer Arzt für Naturheilkunde

Gustav A. Selß, Journalist

Arno Elsässer, Kultur-Ingenieur

Bruno Wilhelmi, Kaufmann

Heinrich Tamke, Lehrer

Arnold Schirmer, Lokomotivwerkführer

Otto Erdelen, Bankbeamter

Wilhelm Cohn, Kaufmann

Lothar Volkmar, Rechtsanwalt

Franz Neumann, Schuhmacher

Albert Hoffmann, Gärtner

Ernst Döring, Gärtner

Paul Dannenberg, Kaufmann

Arthur Radeck, Mechaniker

Carl Radeck, ohne Angabe

Ludwig Fink, Magnetopath

Gustav Holzhüter, Klempner

 

Der erste Vorstand (gewählt am 28.05.1893)

Bruno Wilhelmi (Geschäftsführer)

Gustav A. Selß und Arnold Schirmer (Beigeordnete)

 

Der erste Aufsichtsrat (gewählt am 28.05.1893)

Dr. Fehlauer (Vorsitzender)

Paul Dannenberg

Ernst Döring

Heinrich Tamke

Lothar Volkmar

Arno Elsässer

Otto Erdelen

Ludwig Fink

Oskar Sadlowsky

 

 

Aus der Festschrift „Eden – 25 Jahre Obstbausiedelung“

 

 

Oskar Mummert, Arzt, Schriftsteller und Dramaturg, kam bereits wenige Jahre nach der Gründung der Siedlung nach Eden und war maßgeblich an der Bereicherung des kulturellen Genossenschaftslebens beteiligt. Er starb 1953 im 90. Lebensjahr.

 

 

 

 

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