Die Edener Obstverwertungvon Karl Bartes, 1918
Als die Ernteerträge der jungen Siedlung mit den Jahren größer wurden, musste die Genossenschaft daran denken, den Überschuss über den eigenen Hausbedarf der Siedler so vorteilhaft wie nur möglich zu verwerten. Die Nähe des Berliner Marktes war wohl dem Absatz im allgemeinen günstig, doch war seine Preisgestaltung zu sehr von den Machenschaften des Handels abhängig, und die Preise standen oftmals so niedrig, dass nicht einmal die Unkosten gedeckt werden konnten. Der Gedanke also, für die überschüssige Ware eine eigene Verwertungsstelle zu schaffen, die die Früchte in Dauererzeugnisse überführte und auf diese Weise die Abhängigkeit vom Frischobstmarkte bedeutend milderte, lag nahe und wurde 1998 ausgeführt. Der Anfang der Edener Obstverwertung war mehr als bescheiden. Ein einfacher Waschkessel diente dem Kindlein bei seiner Geburt als Wiege. Aber wie die Edener Kinder alle, gedieh es rasch, und schon ein Jahr darauf erweiterte man die Anlage durch einen Dampferzeuger in Gestalt eines Lilienthal’schen Gliederkessels, zu dem sich zwei Dampfkochkessel von je 50 Liter Inhalt, ein Sterilisierkasten und eine kleine Handpresse gesellten. Der erste Leiter des jungen Betriebes, Genosse Lovis, hatte einen Obstverwertungslehrgang in Geisenheim am Rhein mitgemacht und war nun eifrig bemüht, das Kind auf die Füße zu bringen und es gehen zu lehren. Indessen kamen die Kinderkrankheiten. Die finanziellen Erfolge des jungen Unternehmens waren in den ersten Jahren meist unbefriedigend, und die Genossen begannen an seiner Lebensfähigkeit zu zweifeln. Der damalige Geschäftsführer, Genosse Schirrmeister, wollte jedoch von einem gänzlichen Fallenlassen des Gedankens vor seiner Bewährung nichts wissen und übernahm 1900 den Betrieb in eigene Rechnung, in Verbindung mit seinem Schwager Dr. Lindner, der in seinem Sanatorium Finkenwalde ebenfalls schon naturreine Obsterzeugnisse für bestimmte Abnehmer herstellte. Die Räume samt Einrichtung in Eden blieben jedoch genossenschaftliches Eigentum und wurden bloß verpachtet. Drei Jahre wurde der Betrieb in dieser Weise weitergeführt, bis er bei Ausscheiden Schirrmeisters 1903 wieder gänzlich in die Hand der Genossenschaft überging. Genosse Lovis wurde Werkmeister, erster Kocher und in der stillen Zeit Packer mit einem Anfangslohn von 40 Pf. die Arbeitsstunde und 15 Prozent Gewinnanteil. Das erste Jahr im erneuten genossenschaftlichen Betrieb brachte einen Reingewinn von rund 540 Mark bei einem Umsatz von 13.000 Mark. Groß war also das Geschäft noch nicht, und Lovis hatte im Winter fast nichts zu tun. Die folgenden Jahre bis einschließlich 1906/07 schlossen wieder mit kleinen Verlusten ab; allerdings wurde der Betrieb stets mit 10 Prozent seiner Umsatzsumme zur Deckung der genossenschaftlichen Verwaltungskosten herangezogen. Die nächsten Jahre brachten ständig wachsenden Umsatz. Der Werkmeisterlohn stieg von 40 auf 45 Pf. die Arbeitsstunde, und Ende 1905 wurden 110 Mark für die Sommer- und 75 Mark für die Wintermonate vereinbart. 1907 wurde das Jahresgehalt auf 1200 Mark erhöht. Auch die kaufmännischen Arbeiten konnten nicht mehr länger nebenher erledigt werden. Als daher 1906 Genosse Heinrich Lotz in den Vorstand eintrat, wurde er mit der kaufmännischen Leitung der Obstverwertung betraut. Die Werbung wurde nun eingehender betrieben, der Umsatz hob sich mehr und mehr, und zur Bewältigung der Geschäfte musste eine weitere kaufmännische Hilfskraft eingestellt werden.
Die Entwicklung des Betriebes erforderte eine Ergänzung und Ausgestaltung der Einrichtung. Bereits 1905 wurde der Gliederkessel durch einen stehenden Quersieder-Dampfkessel von 6 qm Heizfläche ersetzt. Zu den zwei kleinen Dampfkochkesseln kamen zur selben Zeit ein größerer Marmeladenkochkessel, ein Geleekochkessel, ein Dunstschrank, eine Handpassiermaschine und eine Verschlussmaschine hinzu. 1907 wurde ein großer Saftkochkessel nebst einem weiteren Sterilisierkasten und 1908 ein großer Marmeladenkochkessel beschafft, während die ältesten, kleinsten Kochkessel eingezogen wurden. Der Kochraum wurde durch Hinzunahme eines Nebenraumes vergrößert und der bisherige Pferdestall zum Maschinenschuppen umgebaut, worin die neu angeschaffte, große Passiermaschine, die große Obstmühle und die zum Antrieb der beiden erforderliche Dampfmaschine aufgestellt wurde. Auch die unzulänglichen Lagerkessel wurden erweitert. Aber auch diese, für die Edener Verhältnisse schon immerhin bedeutende Vergrößerung konnte dem fast sprunghaft steigenden Umsatz nicht genügen, und die Genossenschaft musste ernstlich an die Errichtung neuer zeitgemäß ausgestatteter Koch-, Wasch- und Lagerräume denken. Lange und sorgfältige Vorbereitungen ermöglichten es, im Winter 1911/12 mit dem Abbruch des ganzen alten Gebäudes und mit dem Bau des neuen zu beginnen. Im Frühjahr 1912 wurde es vollendet und zum Teil neu eingerichtet. Um den Kraft- und Dampfbedarf für einen längeren Zeitraum und auch für größere Ansprüche sicherzustellen, wurde ein liegender, eingemauerter Flammrohrkessel von 25 qm Heizfläche beschafft; dazu kamen zwei große, offene Dampfkochkessel, ein Vakuum, ein großer Dunstschrank, zwei offene Wassersterilisierkästen, sowie eine Gläser- und Flaschen-Wasch- und Spülmaschine mit Einweichapparat.
Die Güterbewegung wurde durch einen vom Keller zum Boden gehenden Lastenaufzug erleichtert. Der ganze Neubau mitsamt der Neueinrichtung kam auf rund 60.000 Mark zu stehen. Der Betrieb wurde nun tatkräftig aufgenommen, und wenngleich auch aus verschiedenen Gründen der Umsatz im Jahre darauf etwas nachzulassen schien, so konnte doch in der Folgezeit die Scharte ausgewetzt werden. Am 01. April 1914 verließ der verdienstvolle Betriebsleiter Heinrich Lotz, der den Neubau unter schwierigen Verhältnissen mit Umsicht und Geschick geleitet hatte, seinen Posten, um, seiner eigentlichen Neigung folgend, die Bewirtschaftung eines von ihm gekauften Bauerngutes zu übernehmen. An seine Stelle trat der jetzige Betriebsleiter Karl Bartes, des aus früherer Tätigkeit in der Obstverwertung bewandert war. Nach des ersten Werkmeisters Abgang kamen in der Werkmeisterstelle einige Veränderungen vor, bis dann 1914 Genosse Johannes Zimmermann endgültig mit diesem wichtigen Posten betraut wurde. Der Betrieb war im vollen Aufblühen begriffen, als der Krieg hereinbrach und uns nötigte, von der bis dahin allein gepflegten reinen Naturware abzugehen und von 1916 an unter Zwange der Kriegsgesellschaft für Obstkonserven und Marmeladen (nach ihren Vorschriften) die so genannte Kriegsmarmelade in größeren Mengen herzustellen. Wir mussten uns widerstrebend fügen, da sonst Schließung des Betriebes und Wegnahme der Kochgeräte in Aussicht stand. Jedoch bemühten wir uns, auch unter den veränderten Verhältnissen unsere Grundsätze zur Geltung zu bringen und hatten daher auch die Genugtuung, unser Kriegsmus allgemein loben zu hören. Zur besseren Bewältigung, der in Massen angelieferten Früchte, namentlich Äpfel, wurden im Laufe der Zeit noch vier Dampfkippfässer angeschafft, die sich gut bewährt haben. Sonst blieb die Einrichtung unverändert in Erwartung der Tage, wo wieder so wie früher nur reine, erstklassige Erzeugnisse hergestellt werden können. Wechselvoll war die Entwicklung der Edener Obstverwertung, und oft genug musste man bei schlechten finanziellen Ergebnissen Stimmen der Verdrossenheit hören, die von einer weiteren genossenschaftlichen Führung der Obstverwertung nichts wissen wollten. Der Berechtigung einer solchen Kritik hätte man beistimmen müssen, wenn es sich bloß um einen genossenschaftlichen Produktionsbetrieb handeln würde, der keine andere Aufgabe zu erfüllen hätte, als nur das materielle Wohl der Genossenschaft zu sichern und zu erhöhen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Obstverwertung die Gründung einer lebensreformerischen Siedlungsgenossenschaft war, die es als ihre Pflicht ansah, auf wirtschaftlicher Grundlage idealen Grundsätzen durch die Tat zum Leben zu verhelfen und selbst vorübergehend Opfer hierfür zu bringen. Und so siegte stets in stürmischen Zeiten die ideale Forderung über die materielle. Es ist aber daran zu zweifeln, dass bei der ferneren Entwicklung des Unternehmens auch die materielle Seite so zu ihrem Rechte kommen wird, wie sie in einer sozial gerichteten Genossenschaft erstrebt werden darf; denn Gewinne, wie sie privatkapitalistische Unternehmungen in ihrer Art erzielen, sind nicht zu erwarten und werden von uns auch nicht angestrebt. Die Edener Erzeugnisse werben für den Erneuerungsgedanken mehr als jedes Wort. Jeder, der sie einmal genossen hat, mag sie nicht mehr missen, und immer wieder wird nach ihrem Geheimnis gefragt.
Den Gipfel der Vollkommenheit haben sie noch nicht erreicht, den werden sie auch nie erreichen, denn das vollkommenste Erzeugnis liefert die Natur selber, und wir müssen bloß alles vermeiden, was ihr ins Handwerk pfuschen könnte. Es besteht kein Zweifel, dass die beste und gesündeste Verwendung der frischen, vollreifen Früchte der Rohgenuss ist. Das ist der ausgesprochene Wille der Natur, so klar und unzweideutig, wie kein zweitesmal in ihrem unendlichen Walten. Die wundervolle Wirkung der frischen Früchte beruht vor allem auf der Lebendigkeit ihrer Zellen, die im Höhepunkt ihres sonndurchglühten, luftumspülten Daseins mit den gierig zitternden Zellen unseres Körpers zum Kampf antreten. Ihre Reife lässt sie bald allen Widerstand aufgeben, und triumphierend stürzen sich die menschlichen Sieger auf den bezwungenen Feind, um ihm den Lebenssaft abzusaugen. Ach, und was ist nicht alles darin enthalten; Zucker und Salze, Eiweiß und Stärke, Säure und Fett, Wasser und Holzstoff und viele andere Dinge mit fremden Namen. Leider währt aber im allgemeinen die Lebendigkeit der Früchte nur kurze Zeit, und wenn es nicht gelingt, den Reifevorgang zu unterbinden oder ganz zu verhindern, so sterben die lieblichen Kinder Pomonas traurig hin, weil sie kein fröhlicher Mund aufgenommen, kein schönheitsdurstiges Auge bewundert und keine schnalzende Zunge besungen hat.
Da setzt nun des Menschen Kunst und Wissen ein. Wie kann man die Früchte vor dem Verderben bewahren und sie lange haltbar machen, ohne allzutief in ihre Lebendigkeit einzugreifen? Darauf gründet sich die Edener Obstverwertung. Sie ist bestrebt, von all den Köstlichkeiten der frischen Früchte so viel wie möglich zu retten und nichts hinzuzufügen, was das Dauererzeugnis vielleicht ansehnlicher und billiger, aber auch minderwertiger, ja unter Umständen gesundheitsschädlich machen könnte. Die Gärung wird verhindert, die natürlichen Farb- und Duftstoffe bleiben erhalten, die Fruchtfleischzellen soviel wie möglich geschont, damit es auch etwas zu verdauen gibt, denn die Ernährung ist ein Kampf. Hinzugefügt wird bloß soviel blaufreier Kristallzucker, wie zur Wiederherstellung des beim Kochen verminderten Geschmacks unbedingt erforderlich ist. Das Kochen und Entkeimen geschieht unter dem Siedepunkt. Peinliche Sauberkeit herrscht im ganzen Betriebe. Erfahrene und geschickte, aber auch berufsfreudige Hände rühren und mischen, pressen und füllen Gläser und Eimer, Kübel und Fässer, Becher und Flaschen und schaffen sie in die weiträumigen Keller, bis die Köstlichkeiten gerufen werden auf des Käufers freundlichen Tisch. Das sind im wesentlichen die Geheimnisse der Edener Obstverwertung. Wenn dies nun ein gründungslustiger Siedler liest, und es wandelt ihn an, das Ding zu wagen, so muss man dennoch warnend den Finger heben. Die Wachstumsgesetze müssen nirgends mehr als im genossenschaftlichen Betriebe berücksichtigt werden. Siedlungen, die gleich im Anfang eine Verwertungsstelle errichten wollen, meist auch ganz zeitgemäß ausgestattet, doch ohne die erforderlichen Rohstoffe und geübten Kräfte und ohne ein gesichertes Absatzgebiet, bloß daraufhin, weil Eden das Muster abgibt, werden kaum ohne große Enttäuschung durchkommen. Man darf nicht vergessen, dass Eden um ein Ideal herumgewachsen ist, das sich trotz vieler Schwierigkeiten und Wandlungen als bindend und tragend erwiesen hat. Wo bloß das rein Wirtschaftliche im Vordergrunde steht, wo die Mitwirkenden nicht gewillt sind, persönliche Opfer zu bringen, da werden Fehlschläge eintreten, die den Bestand des Ganzen in Frage stellen. An die Stelle der erstrebten Wohlfahrt tritt Unzufriedenheit mit ihren lebenhemmenden Erscheinungen. Genossenschaftliche Produktbetriebe als Erwerbsquelle für die einzelnen Genossen und zur Erzeugung eigenen genossenschaftlichen Kapitals sind immer schwierig einzurichten und zu leiten, müssen daher vorher genauestens erwogen und bedacht sein.
Über zwei Jahrzehnte brodeln nun die duftigen Dünste aus der Edener Musküche heraus. Der gelbe Schornstein, das Wahrzeichen der Siedlung, grüßt von ferne schon den Wanderer und gibt Zeugnis von unermüdlicher treuer Genossenschaftsarbeit im Dienste der körperlichen und seelischen Aufartung des deutschen Volkes. Wohl wird jeder Tat vorher mit dem Rechenstift der gangbarste Weg gewiesen, die Tat läuft sich aber nicht tot im Satansdienst des Mammons. Das Volk hat die übersüßten, übermäßig chemisch haltbar gemachten, gefärbten und gestreckten Marmeladen satt und sehnt sich nach einwandfreiem, gesundem Brotaufstrich. Namentlich die Gemeinde der Lebenserneuerer verlangt stürmisch nach ihren gewohnten „Edenern“. Die Leistungsfähigkeit der Edener Obstverwertung ist auf 6.000 Zentner Marmelade im Jahre gestiegen. Sie ist gerüstet, den großen Obstsegen, der aus dem verdoppelten Eden nun erwachsen wird, aufzunehmen und zu verarbeiten, treu ihrem Leitspruch:
Edner Mus und Edner SäfteEdler Früchte Fleisch und BlutQuelle neuer NervenkräfteArzenei voll Sonnenglut
Grundgesunde Menschennahrung Überreich an Lob und GunstUnverfälschte Offenbarung Edner Art und Lebenskunst
Karl Bartes
Aus der Festschrift „Eden – 25 Jahre Obstbausiedelung“
Karl Bartes wurde am 03. Januar 1879 in Znaim/Südmähren geboren. 1913 bekam er eine Anstellung als Kaufmännischer Leiter der Edener Obstverwertung, wurde Edener Genosse und erwarb eine Heimstätte. 1931 übernahm er die Schriftleitung der Edener Mitteilungen. Er war auch Schriftleiter der „Neuform“. Außer der kaufmännischen Leitung der Obstverwertung beschäftigte sich Karl Bartes vor allem mit den ideellen Grundlagen der Siedlung und mit der vegetarischen Bewegung. Im Winter 1930 gründete er zusammen mit Fritz Kiel und anderen Edenern die „Vegetarische Gemeinschaft in Eden". Zwei Jahre später wurde er Vorsitzender des „Verbandes deutscher Vegetariervereine" und Mitglied des „Deutschen Vereins Freiland". Als Sekretär und Sprecher der Genossenschaft organisierte er den 8. Internationalen Vegetarier-Kongress, der im Juli 1932 in Eden stattfand. Karl Bartes ist am 26. September 1962 in Eden gestorben. |
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