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Das gesellige Leben in Eden

Von Carl Rußwurm, 1918

 

Von jeher ist das gesellige Leben in Eden ein äußerst reges gewesen. Waren es doch lauter Menschen, die hier zusammenkamen, die am Leben bauten oder bauen wollten, die unbefriedigt von Altem, Überlebtem nach neuem Leben verlangten und Hand anlegten. So war auch in ihrem geselligen Leben, den gemeinsamen Veranstaltungen, den fröhlichen Festen, den ernsten Gedenktagen, den Erbauungsstunden, den künstlerischen, geistigen und sonstigen Unterhaltungsabenden, den stillen Feierstunden ein Grundzug unverkennbar: Zurück zur Natur! Allerdings ist dieses Zurück kein Zurück, sondern ein Vorwärts. Auch hier ein Neulandsuchen, ein Bahnbrechen zu einer neuen deutschen Lebensart, die die Natur und ihre unendliche Fülle der Freuden und Schönheiten zur Grundlage macht, sodass in jedem Tun und somit auch bei den geselligen Veranstaltungen ein wahrhaft fröhlich-kraftvoller Inhalt sich darbietet und nicht bloßer Schein und zur Gewohnheit gewordene hohle Form hinwegtäuscht über innere Leere und Schwäche.

Von einschneidendster Bedeutung für alle unsere festlichen Veranstaltungen in Eden ist vor allem der vorbehaltlose Ausschluss aller Alkoholgetränke. Welche unendliche Fülle neuer, innerlich wahrer Freudenempfindungen hierdurch erst zur Auslösung frei werden, wird nur der ermessen können, der dergleichen eine längere Zeitspanne beobachtend miterlebt hat. Denn es ist einer der verhängnisvollen Irrtümer des deutschen Philisters, dass er ohne Bier- oder Weinglas sich keine Lust oder Fröhlichkeit vorstellen kann. Die Wahrheit und mit ihr im Einklang die 25 Jahre Edener Erfahrung lehren das Gegenteil. Freilich ist hier kein Rausch, kein sinnloser, vernunftentfesselter Überschwang, sondern natürlich, gesund und stark von Innen heraus und mit allen Sinnen genießen wir und haben Freude und gemeinsames Festerleben in Freiheit, Echtheit und Schönheit vielfältig mal mehr, als es jener Ersatz, Freudenverfälscher Alkohol, dem gewähren kann, der, des Bodens beraubt, die aus ihm erwachsenden natürlichen Freuden nicht kennt. Unser Genosse Alwin Esser hat in den Edener Mitteilungen, Jahrgang 1 Heft 3, diesen Gedanken guten Ausdruck verliehen:

 

Dem König Alkohol ins Stammbuch.

Dich haben die Menschen geliebet,

Dein Lob in Liedern gesungen,

Da hast Du sie mit Armut,

Mit Krankheit, mit Irrsinn bezwungen.

Jetzt aber beginnen Zeiten,

Da sie Dich lernen hassen;

Nun musst Du ihnen Reichtum,

Gesundheit und Frohsinn lassen.

 

Nachdem die ersten Jahre der notwendigsten Einrichtung vergangen waren, suchten die Edener Ansiedler unter den Berliner Gesinnungsfreunden zu werben, indem sie (1898/99) zur Ernte ein „Erdbeerfest“ veranstalteten. Die ersten köstlichen Früchte des Edener Bodens und Fleißes – in Freude genossen – als eindringlicher Ruf: hinaus aufs Land! Die Feste waren wohlgelungen und fanden viel Beifall. Aber – sie lockten leider auch zu viel unerwünschte Besucher an! Die Eden-Bewohner hatten den durchaus verständlichen Wunsch, ihre Feste ungestört in ihrem Geiste zu erleben. Von dieser Art öffentlicher Feste wurde also abgesehen.

Dann ist in natürlicher Weise das gesellige Leben in der Kolonie Eden mit ihr gewachsen und geworden. Mancher, der sich hier in Eden wohlfühlte, zog nach und nach weitere Angehörige Freunde und Verwandte hierher und es bildeten sich so im Verein mit Freunden und Nachbarn kleinere Familienkreise mit mehr oder weniger reger Geselligkeit. Aber auch um die Gesamtheit aller Edener knüpften sich nach und nach feste Bande der Geselligkeit. Für vieles hat sich im Laufe der Zeit nach und nach eine feste Form herausgebildet. Für den oberflächlichen Beobachter scheinbar ganz von selbst. Wenn man aber tiefer zusieht, so erkennt man, dass auch hier bewusste Arbeit und fröhlich schaffendes Tun führender Persönlichkeiten, schöpferischer Naturen das gestaltet hat, was nun gewissermaßen als feste Form uns selbstverständlich geworden ist. Heute gibt es eine ganze Reihe Edener Sitten und Gebräuche, die durchaus nun der Eigenart unserer Siedlung und unseren Lebensgewohnheiten, unserer Weltanschauung angepasst sind.

 

 

Am Festplatz

 

 

Die Leitsterne, die den Jahreslauf begleiten und seine Höhe- und Wendepunkte darstellen, sind unsere drei großen Edener Feste: Das Frühlingsfest, Erntefest und Weihnachtsfest. Wenn im Frühling das Leben neu erwacht, wenn bei uns in Eden das ganze Land mit seinen Tausenden von Bäumen in blühender Pracht dasteht und die Natur sich gewissermaßen selbst zum Feste schmückt und ihren Höhepunkt erreicht, wenn die Natur selbst ihr festliches Gewand anlegt und Hochzeit feiert, dann ist bei uns in Eden das Frühlingsfest. Das Schönste an unserem Frühlingsfest ist damit schon genannt, und wir feiernden Menschen passen uns gewissermaßen nur dem großen Rahmen an, der uns umgibt, dem fröhlichen Blühen ringsum.

Schon am Vorabend bewegt sich die Jugend, schön geschmückt, in feierlichem Zuge durch das blühende Eden und sammelt, singend von Haus zu Haus ziehend, Blumen ein zum Feste:

 

„Von Haus zu Hause ziehen wir – und bitten um eine Gabe

Zu unseres Platzes Schmuck und Zier, dass jeder seine Freud’ dran habe.

Habt ihr ein Band, blau, rot oder grün – das mögen wir gern leiden,

Und wenn eure Blumen recht schön blüh’n – könnt ihr auch davon schneiden.“

 

Da füllten sich die Körbe, denn jede Heimstätte, jede Familie, jedes Haus bringt von seinen schönsten Blumenschätzen, und freudiger Dank der Kinder wird den Gebern zu Teil:

 

„Habt schönen Dank – und weiter nun,

Wir haben noch viel zu besorgen,

Und fröhlich rufen wir euch zu:

Auf Wiedersehen – morgen!“

 

So wird es Abend und frohe Feststimmung erfüllt schon die ganze Kolonie. Da genießt wohl jeder so recht herzlich und bewusst den Feierabend und lauscht noch lange dem in der Dämmerung verhallenden Sang der Jugend.

Früh am nächsten Morgen ist dann der Edener wieder draußen. Das Frühkonzert des Vogelchores ist am Frühlingsfestsonntage doch noch schöner als sonst. Da horch! Da mischt sich herein der Menschenjugend froher Maiensang. Hoch auf dem Dache des Gemeinschaftshauses steht das Jungvolk und stimmt mit ein in das Jubilieren ringsum, stimmt mit ein aus frischer Kehle und froher Brust: „Der Mai ist gekommen.“

Ja, da oben überschaut man so recht das Blütenmeer und inmitten all’ der schönen Frühlingspracht singen wir so recht aus tiefstem Born der Seele unsere Lieder.

Im Laufe des Vormittags gibt es dann gar viel zu schaffen für die Jugend. Gilt es doch den großen Spielplatz zu einem schönen, blumenumkränzten Festplatz umzuwandeln. Da sitzen dann die Mädchen im Gras und winden Kränze, und die Jungens holen Grün, rammen die Pfosten ein, errichten die langen Tafeln und richten den Maibaum auf. Und dann kommen allmählich auch die Älteren und bringen ihre Tische und Bänke und freuen sich des emsigen Treibens, und in der Obstverwertung werden geheimnisvoll die süßen Säfte gemischt, die am Nachmittage der Schuljugend zur Labung dienen sollen.

 

 

Tanz um die Erntekrone

 

 

Am Nachmittage ist dann ganz Eden auf dem Platze, jung und alt, ein gemeinsames Feiern, ein gemeinsames Volk. In großem Zuge hat sich die Jugend geordnet und zieht feierlich vom Genossenschaftshause um den Platz herum zum Haupttor herein. Jetzt ist alles im schönsten Schmuck, der blumenumwundene Festplatz, die festtäglichen Familien, die Jungen und Mädchen mit ihren weißen Kleidern und Blumenkränzen im Haar. Frohe Lieder erschallen, und dann reiht sich alles um die Tische zu einem kleinen Festkuchenschmaus im Freien. Jede Familie hat ihren festlich geschmückten Tisch, und alle diese Familientische schließen sich zu einem Ganzen zusammen durch den Rahmen des umgrenzenden und umkränzten Platzschmuckes.

So ist denn an diesen Festtagen die Kolonie wie eine große Familie beisammen, und echte Gemeinschaftsfreude und frohe Feststimmung beschwingt alle Seelen. Hier ist denn auch Ort und Zeit, wo von unserm Vorstand als auserwähltem geistigem Führer einige ernst-frohe Worte gesprochen werden die unsere Gedanken und Fühlen noch mehr auf das Gemeinsame und das uns allen vorschwebende hohe Ziel und die Bedeutung dieses Festes lenken. Nach aufgehobener Tafel hat dann wiederum die Jugend das Wort. Spiele und Tänze, Reigen und Lieder, Schwank und Scherz reihen sich in buntem Treiben aneinander, bis der Tag zur Neige geht und ein gemeinsames Lied den Festtag beschließt.

In ähnlichem Rahmen verläuft auch das zweite unserer Edener großen Feste, das Erntefest oder Erntedankfest. Das dritte Fest, das Weihnachtsfest, führt uns den Umständen entsprechend auf unserm weihnachtlich geschmückten Genossenschaftssaal zusammen, wo eine erhebende Feier mit Gesang, Musik und Ansprache uns gemeinsam Weihnachtsglanz erleben lässt.

Das sind die drei Edener Hauptfeste, wie sie sich im Laufe der Jahre zu fester Gewohnheit, in fester Form – eben zu richtigen Festen – herausgebildet haben. Dazwischen fällt dann wohl noch manch’ andere kleinere festliche Veranstaltung, so wie es die Zeit gibt, so vor allem die Sonnenwendfeier. Dazu kommen laufend in buntem Wechsel die Unterhaltungsabende: wissenschaftliche Vorträge, Vorlesungen, Musik, Konzerte, überhaupt künstlerische Veranstaltungen aller Art und was alles hierzu gehört, so wie es die Gelegenheit bietet. Im übrigen wird das Bildungsbedürfnis der Edener durch eine Bücherei von etwa 1.500 Bänden befriedigt, die im Laufe der Jahre, teils an freiwilligen Spenden und Schenkungen, teils durch Anschaffungen auf gemeinsame Kosten zusammengebracht wurden.

Fast zu allen Zeiten waren es einige führende Persönlichkeiten, um die sich in der Hauptsache das gesellige Leben jeweils konzentrierte. Es mag daher hier angebracht sein, einiges über diese Persönlichkeiten, ihre Art und das von ihnen Gebotene zu berichten.

In der ersten Zeit war es vor allem der Genosse Mummert, der durch Vorlesung besonders dramatischer Dichtungen der großen unseres Volkes und verwandter Völker reiche Anregung und wertvolle Unterhaltung bot. Seine Art des Vortrages ist so prachtvoll lebendig, dass man die Handlung des Dramas und die einzelnen Personen vollständig vor Augen sieht, sodass ein Mummert’scher Vorleseabend zu den reinsten Freuden gehört. Es kamen im Laufe der Jahre folgende Autoren zur Vorlesung: Goethe, Schiller, Shakespeare, Hauptmann, Ibsen, L’Arronge, Bendiz, Anzengruber, Björnson, Schönthan, Fulda u.a. Auch zahlreiche eigene Werke und Vorträge aus den Gebieten der Kunst, Philosophie und Naturheilkunde brachte Herr Mummert  und erfreute uns Edener damit immer wieder die ganzen Jahre hindurch.

 

 

Vortrag Oskar Mummert

 

 

Besonders regen Anteil an der geselligen Unterhaltung Edens hat von jeher die Schule und deren Leiter genommen. Als erster in der Reihe der Lehrer hat Genosse Dittmann jahrelang durch Vortrag gut gewählter Dichtungen sowie Veranstaltung kleiner Aufführungen mit den Kindern zur geselligen Unterhaltung beigetragen. Sein Nachfolger, Genosse Otto Kohnert, hat sich auch auf diesem Gebiete ganz besonders glücklich und erfolgreich betätigt. In der Jahren von 1908 bis 1916 stand er der Edener Schule vor. Sein Wirken für die ganze Kolonie gestaltete sich deshalb so segensreich, weil er es verstand, der Jugend nicht als gestrenger Lehrer, sondern auch, wo es anging, als Freund, Kamerad und Führer gegenüber zu treten. Das machte ihn zum wahren Erzieher der Jugend auch außerhalb der Schulmauern und über die Schulstunden und die Schulzeit und Schuljahre hinaus. So wurde die Schule damals hier in Eden zu einem der Brennpunkte des geistigen und geselligen Lebens. Herr Kohnert führte in diesem Sinne die Edener Schule als erste deutsche Volksschule in die Bahnen der Wandervogelbewegung herein, und gar bald erblühte unter seiner Leitung eine ganz außerordentlich rege Wandervogelortsgruppe in der Kolonie Eden. Hier war ja so recht der Boden bereitet für ein neues eigenes Jugendleben und ihre nach neuen Formen ringende Geselligkeit. So kamen viele Wandervögel aus allen deutschen Gauen zu uns herein und nahmen Fühlung mit der Edener Jugend und mit Eden überhaupt. Gar mancher kam des öfteren wieder, blieb schließlich hier und siedelte sich hier an. Dadurch wurde Eden immer mehr noch auch eine Stätte der deutschen Jugendbewegung. Eine Verjüngung der Geselligkeit und ihrer Formen fand damit immer mehr Eingang auch in Eden. Wandern, Singen, Volkstanz, Volkslied und Volksspiel wurden unserer Jugend selbstverständliche und unentbehrliche Freuden. „Vater Kohnert“ war und blieb der Mittelpunkt dieser jugendlichen Lebensart. Wer die von ihm geführten Fahrten der Edener Jugend in den Sommerferien nacherleben will, der lese in den alten Edener Mitteilungen die Schilderungen der Rügenfahrt, der Mecklenburgfahrt u.a. Der frühzeitige Heldentod Vater Kohnerts, der Verlust dieses hervorragenden Jugendführers und Jugendbildners hat dem Edener Jugendleben und damit auch dem gesamten Gemeinschaftsleben eine tiefe Wunde gerissen, die noch lange schmerzen wird.

Des weiteren haben gar viele Edener Genossen im Laufe der Jahre, wo sie hier wohnten und lebten, durch Vorträge und Darbietungen mannigfachster Art die Edener Gemeinde belehrt und erfreut. Es kann hier nicht jedes einzelnen gedacht werden. Aber doch sind einige führende Persönlichkeiten fast immer hier gewesen, um die sich so etwas wie eine geistige Bewegung scharte und die daher das Edener öffentliche Leben stark beeinflussten. Hier müssen vor allem Gustav Simons und Silvio Gesell genannt werden, in deren Namen sich Probleme gewaltigster Natur verkörpern. Beide haben lange Jahre hier in Eden gelebt und von hier aus unermüdlich für ihre Sache gewirkt. Simons, der tiefe Denker, der allen Fragen des Lebens bis zum innersten Wesen, bis zur Gesetzmäßigkeit nachspürte und ein Bild der gesamten deutschen Erneuerung aufrollte. Und Gesell, der durch seine tiefgründige Erkenntnis und durch seine neue Lehre vom Geld und vom Zins das Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die mechanischen Ursachen ihrer unsittlichen Macht völlig klar stellte. Vereint haben dann jahrelang beide Männer, Simons und Gesell, für Freiland und Freigeld gewirkt. In zahlreichen Vorträgen haben sie selbst und auch viele ihrer Anhänger bahnbrechende Erkenntnisse in der Volkswirtschaftslehre uns übermittelt. Es dürfte wohl kaum in der ganzen Welt eine zweite Gemeinde geben, in der sozusagen jeder einzelne ein so klares Bild hat von diesen den meisten Menschen so schwierig und so verwickelt erscheinenden Verhältnissen. Aber es geht hier so wie auch sonst fast überall. Erst eine neue Erfindung oder die Aufdeckung eines neuen, durchaus gangbaren Weges lässt uns - eben durch den nunmehr möglichen Vergleich - die Geringwertigkeit veralteter Einrichtungen erkennen. Seit 1911 hat auch der Deutsche Verein Freiland seinen Sitz in Eden, dessen Gründer, Alwin Esser, auch diese Bewegung im Sinne Gesells gestaltete. So ist das allgemeine Interesse der Edener für volkswirtschaftliche Fragen ganz außerordentlich hoch entwickelt worden, und insbesondere hat die Freiland-Freigeld-Bewegung sich hier eine Hochburg geschaffen.

Stand somit infolge dieser durch die Art Edens veranlassten persönlichen Beziehungen die Wissenschaft von der Volkswirtschaft naturgemäß in Eden so stark im Vordergrund, so ist uns auch zu allen Zeiten von den übrigen Wissenschaften vieles und wertvolles geboten worden. Genosse Dr. Bloeck hat wiederholt über landwirtschaftliche Fragen, Ernährungswesen, Alkoholismus und ähnliches gesprochen. Von anderen teils Edener teils auswärtigen Freunden und Gelehrten wurden Darstellungen aus den Gebieten der Geologie, Chemie, Astronomie, Tierpsychologie, der Sprache, der geschlechtlichen Frage, der Erziehung, der Traumwelt und ähnliche Dinge in buntem Wechsel, wie es die Zeit und Gelegenheit brachte, geboten.

Hat somit für alle die Wissenschaft hier eine Stätte gefunden, so gewiss nicht minder die Kunst. Was hier auf diesem Gebiete uns Edenern, der kleinen Kolonie, alles geboten wurde, ist wirklich erstaunlich und höchst erfreulich. Schon in der Kolonie selbst war reges künstlerisches Leben stets lebendig. Männer wie Klindworth haben hier gelebt und den Edenern von ihren Schätzen abgegeben. Musikalische Abende, Konzerte, Musikerläuterungen, Dichterabende, plattdeutsche, schlesische, thüringische, österreichische Abende, Lichtbildervorträge, reihten sich in reicher Fülle zu einem schönen Blütenkranze der edlen Musen. In der ersten Zeit war es namentlich Frau Zinger, die durch ihre zahlreichen Konzertabende ihre Edener Mitbürger erfreute. Eine von ihr begründete Musikschule bildete auch die Edener Jugend heran, und manche Musikabende und kleinen Ausführungen gaben Zeugnis von dem Gelernten. Auch der Frauenchor und später der gemischte Chor wurden von Frau Zinger begründet, und beide haben jahrelang zur Freude der Sänger und Hörer gewirkt.

Eine besondere Blütezeit hatte das Musikleben in Eden, als der Geigenvirtuose Willem Feltzer (Mitglied des holländischen Trios) hier wohnte. Seine Konzerte und Kammermusikabende im Brinkmann’schen Saal werden allen unvergesslich sein. Herr Feltzer hatte auch die Leitung des gemischten Chores übernommen und brachte mit diesem u.a. Schillers „Lied von der Glocke“ in der Vertonung von Romberg zur Aufführung.

Auch auf dem Gebiet der bildenden Künste ist vieles geboten worden. Zahlreich waren die Lichtbildervorträge über deutsche, italienische und französische Kunst und Künstler und Kunststätten. Da verdankt Eden namentlich viel dem Genossen Ludwig Flett, der hier seit Jahren unermüdlich lehrend, bildend, unterhaltend und aufklärend sein reiches, unendlich vielseitiges Wissen und das auf vielen reisen Erlebte und Erschaute uns anderen mitteilt. „Rembrandt“, „Hans Thoma“, „Mark Brandenburg“, „Venedig“, „Florenz“, „Neapel“, „Paris“, das sind so einige seiner zahlreichen uns gehaltenen Lichtbildervorträge. Durch trefflich einstudierte kleine Theateraufführungen hat er uns auch fast alljährlich mehrmals erfreut. Herr Flett war es auch, der den Edener Vortrags- und Festausschuss begründete und jahrelang mit staunenswerter Rührigkeit und Vielseitigkeit leitete, sodass für gesellige Unterhaltung oft schon ein halbes Jahr lang im voraus gesorgt war.

Aus der großen Zahl derer, die uns durch Vorträge aus ihrem Schaffensgebiet erfreuen, möchte ich hier noch ganz besonders unsern Edener Genossen Dr. Landmann nennen, der ebenfalls auf zahlreichen Gebieten der Wissenschaft und der Literatur zu Hause ist und durch seine gehaltvollen Ausführungen, ganz besonders aber durch des öfteren gebotene Vorlesungen der von ihm aus dem Dänischen übersetzten naturwissenschaftlichen Märchen von Karl Ewald seine Zuhörer erfreute.

So zeigt das gesellige Leben Edens eine beinahe überreich bunte Fülle des Gebotenen. Zu diesen zumeist doch nur einen Abend füllenden Darbietungen kommen dann noch einige größere Veranstaltungen, wie sie eben nur im Rahmen einer geschlossenen Siedlung möglich sind.

Vom 26. bis 28. Juni 1914 fand eine Edener Wertmesse statt, eine Ausstellung von Erzeugnissen, deren besonderer Wert in der Gediegenheit des Stoffes sowie dessen praktischer und geschmackvoller Verarbeitung besteht. Auf dem Genossenschaftssaal war eine reiche Ausstellung der schweizerischen Genossenschaft für Heimkultur sowie der Edener Firma G.J. Mahr. Auf dem Spielplatz, vor dem Genossenschaftshaus aber hatte des weiteren Bude an Bude sich gereiht: Edener Obsterzeugnisse, unsere Konsumabteilung mit ihren zahlreichen Wertartikeln, Kiels Fleischersatz, Tomys’ Reformschuhwerk, Bunzlauer Tonwaren und die Erzeugnisse einer märkischen Kunsttöpferei waren zur Schau und zum Kauf gestellt. Auch eine Bude mit Edener Schriftwerk insbesondere der Schriften von Gesell und Simons fehlte nicht. Viele Hunderte aber von Freunden der Kolonie und ihrer Wertarbeitsbestrebungen waren gekommen. Besonders viel Wandervögel und deren Angehörige und auch viel Landvolk, und die Mühe der Vorarbeitenden fand reichen Lohn. Gar bald entwickelte sich ein buntes Leben und Treiben auf dem Festplatz. Ernste Belehrung, fröhlicher Sang und Spiel, Schauen und Erzählen erfüllte den Tag. Überall Freude am Schönen und Gediegenen! So wurde die Wertmesse so recht eine Veranstaltung Edener Eigenart, Edener Schaffens, Edener Wertarbeit und Edener Frohsinns, kurz Edener Lebens überhaupt, sodass dieser Tag in dem bisherigen Leben der Kolonie wohl als die in dieser Art gelungenste Veranstaltung Edener Geistes zu bezeichnen ist.

Eine ähnliche größere Veranstaltung war die Edener Kunstausstellung vom 27. Juli bis 10. August 1919, die den Zweck verfolgte, einmal alles das, was in künstlerischer Beziehung in der Siedlung geleistet wird, der weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie enthielt Arbeiten der Künstlerfamilie Bein, ferner von Wilhelm Groß, Ernst und Mia Haacke, Luise Rußwurm und Adolf Schwenk; die verschiedensten Gebiete der darstellenden Kunst waren auf ihr in bemerkenswerten Einzelleistungen vertreten. Das Gesamturteil der Presse lautete: „Eine wohlgelungene Ausstellung voll Reiz und Eigenart, überraschend vielseitig im Einzelnen, höchst befriedigend in ihrer Gesamtheit“.

So wirken gar mancherlei Kräfte zusammen, um auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft ein reges gemeinsam-geselliges Innenleben in Eden zu gestalten. Im gesunden Körper ein gesunder Geist. Auf der Grundlage eines sittlichen Bodenrechtes, des gemeinsamen Bodenbesitzes entwickelt sich ganz von selbst ein Freiland auch auf geistigem Gebiete, d.h. eine Umbildung des Gemeinschaftslebens in sozial-ethischem Sinne, der Wille zu gemeinschaftlicher Selbstbildung und einer veredelten Geselligkeit, die gemeinsame Freude an allem Schönen und Guten, was Menschengeist und Menschenhand geschaffen.

 

Carl Rußwurm

 

Aus der Festschrift „Eden – 25 Jahre Obstbausiedelung“

 

 

 

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