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An den Wurzeln: Obstbausiedlung Eden von Ulrich Grober, 1998
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Der Zug der S-Bahnlinie 1 fährt knapp 50 Minuten vom Bahnhof Friedrichstraße durch das Häusermeer im Norden von Berlin und eine grüne, kiefern- und birkenbestandene Vorortlandschaft bis zur Endstation Oranienburg. Der Gang vom Bahnhof hinaus an den Stadtrand vorbei an der Fassade des preußischen Schlosses und an verlassenen russischen Militäranlagen dauert noch einmal so lange. Hinter der Kanalbrücke, auf einem Schild an der Allee nach Kremmen, sehe ich das Symbol, das mich von nun an begleitet. Drei stilisierte Bäume und der magische Name: Eden.
Am Eingang in die Siedlung passiert man den weißen Neubau eines Supermarkts und ein reetgedecktes Holzhaus im Stil einer vorpommerschen Fischerkate. Der Mischmasch von Baustilen setzt sich auf dem Weg in das Innere der Siedlung fort: Spitzdächer und Flachdächer. Jugendstilarchitektur neben postmodernen Fertigbau-Eigenheimen. Verwilderte Streuobstwiesen und Carports in den Vorgärten. Ausgeräumte Gärten mit exotischen Koniferen, Kaninchenställen und vergreisten Apfelbäumen. Satellitenschüsseln und Gartenzwerge. Bröckelnder Putz in Grau oder Ocker, daneben frisches Weiß. Das Wegenetz ist gerastert. Wo ist der Kern? Wo ist der Rand? Die Tiefenperspektive fehlt. Hier geht die Orientierung schnell verloren. Eden auf den ersten Blick: an schnurgeraden Wegen niedrige Häuser in großen Gärten hinter hohen Hecken. Ich fühle mich wie in einer überdimensionierten Schrebergarten- oder Datschenkolonie, die sich aus den Angeboten der Billig-Baumärkte zu erneuern versucht. Was habe ich hier zu suchen? Angezogen hatte mich der Mythos Eden. Genauer gesagt, die Neugier auf die Spuren der Vergangenheit - auf das Einst im Jetzt - und auf die Neuanfänge seit der Wende. Die drei Bäume des Eden-Symbols stehen für ein altes Programm: Bodenreform - Wirtschaftsreform - Lebensreform. Kreiert bei der Gründung vor gut 100 Jahren, wirkt diese Formel heute so angestaubt wie die Frakturschrift auf dem Logo. Aber die Botschaft, die darin schlummert, ließe sich in die Sprache der alternativen Szene übersetzen: anders leben, anders wirtschaften, anders mit der Mutter Erde umgehen. Oder - mit den Begriffen der Nachhaltigkeitsplaner: Ökologische, ökonomische und soziale Lösungsansätze müssen gebündelt werden, um Auswege aus der Krise des industriellen Systems zu eröffnen. Eden hat sich 1893 gegründet, um - auf engem Raum - Lösungen, auch die radikalsten, in der Praxis auszuprobieren. Als Keimzelle einer alternativen Modernisierung stand es Modell für die ersten Kibbuz-Siedlungen im fernen Palästina, diente als Kaderschmiede für die Münchner Räterepublik, als geistige Samenbank selbst noch für die soziale Komponente in Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft und - welch harter Kontrast - für die Landkommunen der Hippie-Gegenkultur. In dieser Zeit, in den 70er und frühen 80er Jahren, als im Westen eine ganze Generation den Ausstieg wagen wollte und mit John Lennons "Imagine" als Soundtrack nächtelang die Pläne für ein antiautoritäres Kinderhaus, einen Biohof oder wenigstens ein Naturkost-Kollektiv diskutierte, da kam in den Büchern der Barfußhistoriker, die uns die Geschichte der grünen Utopien erzählten, der Mythos von Eden ins Spiel ... Beim Gang ins Innere der Siedlung wird mir bewusst, wie weiträumig und großzügig bebaut und wie grün in allen Schattierungen dieses Eden tatsächlich ist. Die hohen Hecken aus dichtverwachsenem, immergrünem Thuja oder sommergrüner, knorriger Hainbuche schirmen viele der Parzellen fast undurchdringlich ab. In diesen Binnenräumen, stelle ich mir vor, ist man sicher vor Kontrolle. Die lebendigen Zäune bieten Unterschlupf für eine Vielfalt von Tierarten. Nach innen filtern sie den Staub, spenden Schatten oder Halbschatten. Wo das Blickfeld einmal frei ist, sieht man Beerensträucher und Obstbäume, Gemüsebeete und Gartenteiche. Einige Häuser mit grünen Fassaden aus Kletterpflanzen, von Hausbäumen, meist Linden oder Nussbäumen, eingerahmt, stehen fast ganz verborgen weit hinten auf den Grundstücken. Schlicht und einfach gebaut sind sie fast alle. Diese "Heimstätten", wie man in Eden sagt, sind alle etwa gleich groß. Angelegt sind sie als kleine, individuell auszugestaltende grüne Reiche, wo Pflanzen, Tiere und Menschen in friedlicher Nachbarschaft zusammenleben könnten. Habitat, sagen die Ökologen, Wohnplatz, Lebensraum. Aus solchen grünen Zellen sollte der Organismus eines lebendigen Gemeinwesens wachsen. Allmählich wird für mich die alte Vision von Eden greifbarer. Im Zentrum der Siedlung ragt ein Fabrikschornstein empor. Er gehört zu der alten Edener Mosterei. Der Bau von 1912 ist vor kurzem in Gelb- und Brauntönen frisch gestrichen und im Innern aufwendig renoviert worden. Der genossenschaftseigene Produktionsbetrieb aber, der einmal das ökonomische Rückgrat der Siedlung bildete, ist seit 1991 stillgelegt. Die Räume beherbergen heute das Reformhaus, einen Ausstellungsraum und Büros. Hier spreche ich mit Roland Bloeck, dem langjährigen Vorsitzenden der Eden-Genossenschaft. Routiniert im Umgang mit strategischen Problemen und dem alltäglichen Kleinkram gleichermaßen, zehrt er von seiner Erfahrung und von seinem direkten Zugang zu den Wurzeln der Edener Idee. Sein Großvater gehörte in den 20er Jahren zu den Vordenkern der Siedlung. Die Strukturen dieses Gemeinwesens, die mir Roland Bloeck erklärt, sind seit der Gründung vor über 100 Jahren unangetastet geblieben: "Der ganze Grund und Boden gehört der Genossenschaft und wird durch Erbbaurechte von den einzelnen Mitgliedern genutzt. Das gewährleistet eine hohe Lebenssicherheit für jedes einzelne Mitglied, wenn es sich an die Spielregeln der Genossenschaft hält." Die 120 Hektar große Fläche ist heute in etwa 500 Grundstücke aufgeteilt. Davon sind 330 mit Einfamilienhäusern bebaute Heimstätten. Die Grundstücke sind außergewöhnlich groß, 2800 Quadratmeter im Durchschnitt. Wie kleine Gärtnereien, meint Roland Bloeck und verweist auf das ideelle Fundament dieser ursprünglich so genannten „Vegetarischen Obstbau-Kolonie“: Jeder sollte sich von seinem Grundstück ernähren können. Die Parzellengröße war sehr großzügig kalkuliert. In anderen Siedlungen jener Zeit sollten 800 Quadratmeter Boden ausreichen, um einer vierköpfigen Familie zu 70 bis 80 Prozent die Selbstversorgung mit Lebensmitteln zu ermöglichen. Etwa 1200 Menschen umfasst das Gemeinwesen heute. 380 von ihnen sind Mitglieder der Genossenschaft. Das Prinzip: Jede Heimstätte ist mit einer Stimme in diesem Organ vertreten. Die höchste Instanz, der Souverän, sagt Roland Bloeck, ist die Generalversammlung aller Genossenschaftler. Sie tagt in der Regel einmal im Jahr. In der Fabrik hatten zur besten Zeit etwa 130 Edener ihre festen Arbeitsplätze. Produktion und Vermarktung alternativer Lebensmittel bildeten fast 100 Jahre lang das wirtschaftliche Rückgrat der Genossenschaft. Die räumliche Nähe von Arbeiten und Wohnen war zumindest für einen Teil der Edener verwirklicht. Allerdings hatten viele Edener auch immer schon Arbeitsplätze in Oranienburg oder sind nach Berlin gependelt. Von den Überschüssen des Betriebs hat die Genossenschaft ihre Gemeinschaftsaufgaben finanziert. Wie in einem Kibbuz. Das ist vorbei. Der Betrieb wurde nach der Wende stillgelegt. Auch der Subsistenzgedanke, die Selbstversorgung aus dem Garten, die einmal das zweite ökonomische Standbein Edens gewesen war, hat nicht mehr viele Anhänger. "Soll ich denn der Sklave meines Gartens sein, wo ich doch an jeder Ecke billige Lebensmittel kaufen kann?", beschreibt Roland Bloeck die vorherrschende Mentalität. Das Denken des Genossenschaftsvorsitzenden kreist um die Erneuerung der Siedlung: "Eden hat vier politische Zeiträume erlebt, von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik, über den Nationalsozialismus, durch den Sozialismus. Wir stehen heute in der sozialen Marktwirtschaft, und wir wollen uns für die Zukunft behaupten. Eden ist kein Rentner, der von seinen Ersparnissen leben kann." Aber obwohl alle Versuche der Genossenschaft, sich mit einem neuen Produktionsbetrieb wieder ein wirtschaftliches Standbein zu schaffen, bisher gescheitert sind, hält Roland Bloeck an dem Plan fest: "Wir wollen Eden als ökologische Siedlung über die Zeit retten und in der Zukunft wieder ein Modell werden für sich neu bildende Lebens-, Wohn- und Dorfgemeinschaften." Gibt es das menschliche Potential dafür? Der Genossenschaftsvorsitzende schätzt es so ein: "Zehn Prozent sind Idealisten, 30 Prozent Mitläufer, 50 Prozent wären zu begeistern."
Aussteiger aus Berlin, so charakterisierte Richard Bloeck die Gründergeneration. Anders leben, im Einklang mit der Natur, im Netzwerk eines freien Gemeinwesens. Eine Variante der großen Erzählungen, die im Schoße des 19. Jahrhunderts entstanden. Das kollektive Gedächtnis der Siedlung finde ich in einer Dauerausstellung in der oberen Etage der alten Mosterei aufbereitet. Die drei Bäume, hier auf einer grasgrünen Fahne, dekorieren den Eingang. Als ich eintrete an diesem Sonntagnachmittag, höre ich nur die Schritte und die gedämpften Stimmen mehrerer älterer Frauen. Sie betrachten und besprechen die Objekte, so wie man anderswo gelegentlich das Familienalbum aufblättert. Eine Fotografie in der Ausstellung ist das Medium, das für mich die Zeitreise in Gang setzt: kahles Grasland bis zum Horizont, nur eine Reihe Pappeln, ganz klein, weit weg am rechten Rand, weiter vorne ein einziger wilder Kirschbaum, ein winziger Schuppen, ein verfallener Brunnen. Das Bild zeigt zweifellos den damaligen Zustand des Terrains, auf das man aus dem Fenster des Ausstellungsraumes sieht. Damals war das Land eine Schafweide am Rande des stillen preußischen Städtchens Oranienburg. In dieser Einöde sind knapp zwei Dutzend Menschen zum Gruppenbild versammelt. Einige haben sich ins Gras gelagert, andere stehen zu zweit oder dritt beisammen. Die Frauen tragen knöchellange, glockenförmige Kleider, langärmelige Blusen und Hüte, diese vogelnestartigen Modelle vom fin de siede. Die Männer haben dunkle Anzüge und weiße Hemden an. Eine gutbürgerliche kleine Gesellschaft auf einer Landpartie? Das Foto, vermutlich Pfingsten 1893 aufgenommen, zeigt die Gründer von Eden bei ihrer ersten Besichtigung des Grundstücks. Wie Aussteiger, „Visionäre“, die etwas „geschaut“ hätten, etwas, das ihnen durch Mark und Bein gegangen wäre und ihr Leben von Grund auf verändert hätte, wirken die Leute auf dem Foto nicht. Trotzdem, diese Handvoll Kaufleute, Ärzte, Rechtsanwälte, Aktivisten verschiedener lebensreformerischer Vereine war entschlossen, den Ausstieg zu wagen. Was sie einte, war die Überzeugung, daß die Nöte, Ängste und Krankheiten des modernen Menschen aus seiner Entfremdung von der Natur kämen. Sie planten, ihr Geld gemeinsam in dieses Stück Ödland zu investieren. Sie hatten vor, die körperliche Arbeit, die keiner gewohnt war, und den Obstbau, von dem keiner einen blassen Schimmer hatte, zu ihrer Existenzgrundlage zu machen. Sie, die bisher in freien Berufen auf eigene Rechnung gearbeitet hatten, wollten eine Genossenschaft gründen. Ein hohes Risiko. Eine der Frauen auf dem alten Foto könnte die Berlinerin Clara Wilhelmi sein. Sie war verheiratet mit dem damals 27jährigen Kaufmann Bruno Wilhelmi. Die beiden hatten zwei Jahre in Brasilien verbracht, waren dann nach Berlin zurückgekehrt und betrieben einen Versandhandel mit Steinmehldünger. Die Wilhelmis hatten fünf Kinder, lebten streng vegetarisch, interessierten sich für alle Fragen der Lebensreform, knüpften Kontakte. In diesem Netzwerk von Berliner Vegetariern und Bodenreformern, zu dem die Wilhelmis gehörten, ist die Eden-Idee entstanden. Bekannte Wagnerianer wie der Pianist Karl Klindworth schlossen sich früh an. Und vermutlich war Richard Wagner eine wichtige Inspiration mit seinem Aufruf, „das verlorene Paradies“ wieder aufzufinden. Dem immer brutaler werdenden „Raubtier Mensch“ das Wissen vom „Netz des Lebens“ entgegenzusetzen. „Stille Genossenschaften“ zu gründen, die sich vegetarisch ernähren und vom Ideal der Sanftmut und des Mitleidens leiten lassen. „Die Natur zu meistern kann nur denen gelingen, die sie verstehen und im Einverständnis mit ihr sich einzurichten wissen.“ Bruno Wilhelmi wurde der erste Geschäftsführer des Vereins. Clara Wilhelmi war es, die vorschlug, die geplante Vegetarier-Kolonie einfach - und verführerisch - Eden zu nennen. Das Statut entwarf Franz Oppenheimer, der Berliner Armenarzt und Sozialreformer.
18 Vereinsmitglieder haben am 28. Mai 1893 die Eden-Genossenschaft gegründet. Im Hinterzimmer des vegetarischen Speisehauses „Ceres“, Paulstraße 1 in Berlin-Moabit. (Heute ist dort ein Bistro, aus dessen Fenster der Blick - wie damals - auf die hohen Mauern des Untersuchungsgefängnisses hinausgeht.) Diese kleine Gruppe formulierte damals ein Programm, das den Angriff auf die Fundamente der wilhelminischen Gesellschaft, nämlich Großgrundbesitz und Großindustrie, in ein eher pastellfarbenes Bild vom guten Leben verpackte: „Was wollen wir? Eden ist der verheißungsvolle Name unseres Unternehmens; also ein Eden, ein Paradies wollen wir schaffen? Allerdings nur nicht von heut auf morgen, denn gut Ding will Weile haben. Auch müssen alle, welche noch an die Möglichkeit eines Paradieses auf dieser Erde glauben, tatkräftig mithelfen. Entwickeln wir unser Programm, um Mitarbeiter zu werben. Im Paradies herrscht Friede: Lassen wir daher zunächst den Tiermord, den Meuchelmord der sorgsam aufgezogenen, gleich uns fühlenden, hoch entwickelten Tiere. Dass uns keine Notwendigkeit zu diesem scheußlichen, des Menschen unwürdigen Tiermorde zwingt, das hat der Vegetarismus bewiesen. Das Paradies ist ein Garten: In einen Garten also wollen wir unseren Acker verwandeln, in einen Garten, der alle Sinne entzückt. Das Auge weide sich am frischen Grün des Laubes, an der Farbenpracht der Blüten, an dem verlockenden Anblick der Früchte; atmen werden wir die wonnigen Düfte, schmecken die herrlichen Gaben. Geselligkeit wollen wir pflegen, Geselligkeit und geistiges Leben. Als Menschen wollen wir uns fühlen, wollen wir uns geben, wollen wir uns fortentwickeln. Zu fruchtbarer Geistestätigkeit werden wir uns alle Grundbedingungen schaffen: Gesundheit, erworben und erhalten durch reine Nahrung, Betätigung im Freien, Pflege des Körpers mit Hilfe von Licht, Luft und Wasser. Sorgenlosigkeit als Folge unserer leicht befriedigten, geringen körperlichen Bedürfnisse und unserer gegenseitigen Unterstützung in allen Dingen; endlich Fülle unserer Bildungsmittel, die sich von selbst ergeben, wo eine Anzahl nach gleichem Ziel Ringender sich treulich beistehen. Dies in kurzen Umrissen unser Programm.“
Die Wilhelmis und andere sprangen ab. Das Gebot, jeder müsse sich vegetarisch ernähren, wurde aus dem Statut gestrichen. Neue, endlich auch gärtnerisch qualifizierte Leute kamen dazu. Mit dem Pferdemist vom Berliner Asphalt verbesserten sie den Boden. Die Hecken wuchsen und milderten das Mikroklima. Eine genossenschaftseigene Bank wurde gegründet, um Kredite für den Hausbau erschwinglich zu machen. Handwerksbetriebe siedelten sich an. Die Genossenschaft begann mit der Produktion von neuartigen Lebensmitteln aus Obst und Gemüse: „absolut naturrein, vollwertig, bekömmlich“ - Reformkost. 1912 errichtete die Genossenschaft die Obstverwertungsfabrik, deren größter Raum heute nur noch die Relikte der eigenen Geschichte aufbewahrt.
Die Ideen, die Eden inspiriert hatten, lagen in jener Wendezeit um 1900 überall in der Luft. Auf der imaginären Landkarte der Gegenkultur, die mir beim Gang durch die Ausstellung in den Kopf kommt, wäre diese Obstbausiedlung bei Oranienburg ein Knotenpunkt. Aber ganz in der Nähe müsste der Monte Verità eingezeichnet sein, die "vegetabilische Cooperative" auf dem Berg der Wahrheit im schweizerischen Ascona, wo nach 1900 alle Extreme ausprobiert wurden, das bedürfnislose, meditative Einsiedlerleben in Höhlen ebenso wie die Wiedererweckung orgiastischer Matriarchatskulte. Letchworth (1903 gegründet), die Gartenstadt bei London, die Wohnen und Arbeiten wieder in die Natur verlagern wollte, wäre nicht weit. Ebenso Hellerau (1910 gegründet), das Laboratorium der Moderne bei Dresden mit seiner Integration von Kunst und Leben, Tanz, Theater und Handwerk. Auch die ashrams, die kleinen kommunitären und spirituellen Siedlungen, die Gandhi, inspiriert nicht zuletzt von den Ideen Tolstois, in Indien gründete und in denen das Spinnrad die Abkoppelung von Kolonialismus und Abhängigkeit symbolisierte, gehörten auf diese Landkarte. Und auch die ersten Kibbuzsiedlungen in der Wüste Palästinas wären nicht weit, deren Konzeption von genossenschaftlichem Grundbesitz und gemeinsamer Ökonomie Franz Oppenheimer nach dem Modell Edens entwickelt und 1903 auf dem Baseler Zionistenkongress vorgeschlagen hatte. Eine ältere Landkarte wäre danebenzuhalten. Von den Siedlungen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von frühsozialistischen Ideen geleitet, allesamt rasch gescheitert, aber um 1900 keineswegs vergessen waren. New Lanark in Schottland wäre darauf zu finden, die Gründung des englischen Baumwollfabrikanten und utopischen Sozialisten Robert Owen. Im Flusstal des Clyde erstreckten sich um 1800 die Fabrikanlagen und Felder, die Gemeinschaftswohnhäuser der Arbeiter, Konsumläden, Kindertagesstätten und ein Institut für Charakterbildung. New Lanark war Wohn- und Arbeitsplatz für 2400 Seelen und „Zufluchtsstätte der Arbeitslosen“. Owen setzte die Löhne herauf, verkürzte die Arbeitszeit, verbot die Kinderarbeit. Die Siedlung blühte ökonomisch und sozial. Dann hat Owen New Lanark verkauft, um ähnliche communities in Amerika zu gründen. Diese aber sind alle „an der Trägheit der Arbeiter“ gescheitert. Als Eden sich gründete, war Owen erst 30 Jahre tot. Anhänger von Charles Fourier bildeten in Frankreich um 1830 ihre colonies societaires, wo sie eine Rotation der Arbeiten einführten: An einem Tag sollte man „häusliche Arbeiten verrichten, am folgenden Tag Feldarbeit, dann in den Werkstätten arbeiten, um sodann geistige Arbeiten, Musik und so weiter zu betreiben", wie es im Programm der colonies hieß. Auch die Brook-Farm (1841-1847) im Osten der USA berief sich auf Fourier. Junge Menschen lebten hier nach dem Motto: „Sei du selbst. Lebe dein eigenes Leben. Tu das, was du wirklich liebst.“ Lebensregeln der „New England Transcendentalists“, zu denen auch der große Einsiedler Henry David Thoreau zählte, den man in Berlin um 1900 in kleinen Kreisen begeistert las.
Der Ausstellungsraum, durch den ich wandere, war einmal der Speisesaal für die Arbeiterinnen und Arbeiter der Fabrik. Ein paar Wahrzeichen aus dieser Vergangenheit sind ausgestellt: eine Saftpresse, Apfelsaftflaschen mit den Edener Etiketten, Einmachgläser und Konservendosen, Pappschachteln für Margarine, Werbeplakate. Dieser Betrieb hat die Früchte der Edener Gärten zusammen mit Obst und Gemüse aus dem Umland, zum Teil auch mit importierten Rohstoffen, zu möglichst naturbelassenen, vegetarischen Lebensmitteln verarbeitet. Typische Edener Produkte? Da gab's die Steinpilzpastete, später Vegeta-Pastete genannt, erzählen mir die alten Edenerinnen, die ich in der Ausstellung kennen lerne und die damit groß geworden sind. Dann gab es Pflanzenfleisch und Pflanzenwurst, also vegetarische Brotaufstriche und Fleischsurrogate. Verschiedene Obstsäfte wurden mit neuen schonenden Verfahren haltbar gemacht. Auch die Eden-Butter aus Pflanzenfett gehörte zu der in ganz Deutschland bekannten Produktpalette von Eden. Die Aussteiger von 1893 wurden von den Besitzern der Obstplantagen in Werder/Havel beispielsweise, die mit ihrem Tafelobst den Berliner Markt beherrschten, sicher nicht ernst genommen. Aber Eden mit seinen Produkten auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse schuf sich binnen kurzem einen eigenen Markt. Reformkost war um 1900 etwas ausgesprochen Innovatives. Schließlich waren die Bedeutung von Vitaminen und deren Vorkommen im Obst, auch die Funktion von Ballaststoffen in der Nahrung gerade erst entdeckt worden. In den Räumen der Obstverwertung und in den Küchen ihrer Siedlungshäuser entwickelten die Edener - und vor allem die Edenerinnen - die neuen Rezepturen und Verfahren. Hier und an anderen Standorten hat man danach produziert. Über das Vertriebsnetz der Reformhäuser, das ab 1900 rasch expandierte, wurden die Edener Erzeugnisse in ganz Deutschland vermarktet. Ein Paar Sandalen in einer Vitrine wecken meine Neugier. Eine flache Sohle mit Lederriemen. Einer geht über die Zehen, zwei schlingen sich über Kreuz um den Knöchel. Ich lese den alten Werbetext: „Die Barfuß-Sandale ›Original Eden‹ hat sich seit Jahrzehnten glänzend bewährt. Keine andere Sandale lässt die natürliche, edle Fußform so zur Geltung kommen wie sie. Bei wenig Riemenwerk ist infolge genialer Anordnung dennoch fester Sitz gewährt.“ Auf den alten Fotos tragen Männer und Frauen sie bei der Gartenarbeit, Kinder beim Volkstanz und in der Schule. Mit Christine Groß komme ich ins Gespräch darüber. „Jesuslatschen“, hätten die Kinder in Oranienburg gerufen, wenn sie ihre Edener Mitschüler in diesen Sandalen zur Schule kommen sahen. Carl Tomys war der Edener Schuhmacher. Seine Werkstatt hatte er in dem Siedlungshaus neben dem Festplatz. Dort ging man hin, ließ sich die Füße abmessen, und am nächsten Tag konnte man die Sandalen abholen. Der Schuster war aus einem polnischen Dorf eingewandert. Die Schriften Tolstois hatten ihn aufgewühlt. Er hatte sich in Eden angesiedelt und sich Gustav Landauers „Sozialistischem Bund“ angeschlossen, der in Eden eine seiner wenigen aktiven Ortsgruppen hatte. Die Original-Eden-Sandalen, in denen man lange Strecken gehen, mit dem Spaten arbeiten, durch Pfützen laufen und tanzen konnte und derentwegen man in der Stadt verspottet wurde: ein Design im Geiste Edens, inspiriert von den Ideen Tolstois und Landauers, vielleicht auch von Gandhi, der auf Fotos aus den 20er Jahren ganz ähnliche Riemensandalen trug. Irgendwann in den 30er Jahren ist Carl Tomys gestorben. Seine Kinder sind ausgewandert. Die Jesuslatschen sind heute, leicht umgemodelt und perfektioniert, teure Markenartikel und weltweit eine erfolgreiche Produktlinie.
1913 begann Gesells erster Aufenthalt in Eden. Der Krieg vertrieb ihn in die Schweiz. In der Revolutionszeit 1918/19 tauchte er in München auf. Landauer, Mühsam, Gesell - alle mit Eden verbunden - gehörten der ersten, der anarchistisch-libertären Regierung der Münchner Räterepublik an. In dem Blutbad, das die rechtsgerichteten Freikorps bei ihrem Einmarsch in München anrichteten, wurde Gustav Landauer ermordet. Erich Mühsam wurde zu Festungshaft verurteilt, 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Nur Gesell kam frei und kehrte zurück in die Siedlung. Eden - eine Annäherung an die Utopien, von denen diese Revolutionäre beseelt waren? Oppenheimers „Gesellschaft der Freien und der Gleichen“? „Gleich waren wir eigentlich nicht“, hatte mir Anne-Susanne Mampel, eine alte Edenerin, die heute in Berlin lebt, aus ihrer Erinnerung an die 20er Jahre erzählt. „Ich würde sagen, was das Materielle angeht, waren wir alle arm. Aber sonst waren die Menschen, die da wohnten, sehr verschieden. Also das, was sie verband, das war am Anfang das Vegetariertum, später ja dann nicht mehr, und der Siedlungsgedanke, zwangsläufig. Und die lebensreformerische Einstellung. Aber sonst waren sie doch sehr, sehr unterschiedlich - von ihrer Herkunft, von der Religion, was damals noch eine Rolle spielte, mehr als heute, von der Weltanschauung überhaupt, auch von der Bildung, und sie waren doch alle ganz schöne Individualisten. Da konnte man ja auch ruhig sonderbar sein in Eden, das war gar nicht schlimm, das durfte man. Hauptsache, man hielt sich an das, was in der Genossenschaft üblich war und was da erwartet wurde. Aber sonst durfte man denken, was man wollte, und da gab's schon einige merkwürdige Figuren, die noch heute in der Historie von Alt-Eden herumgeistern. Irgendwie haben wir Kinder das ganz selbstverständlich hingenommen. Dass da andersartige Menschen, andersdenkende Menschen in der Nachbarschaft lebten, ach, das wurde gar nicht erwähnt. Die dachten eben so, und die waren so, und das wurde zu Hause vielleicht mal besprochen. Aber dass es gewertet wurde bei uns - nein.“ Gemeinschaft ohne Zwang. Gleichheit ohne Uniformität. Die Freiheit des Andersdenkenden gehörte in Eden zum Programm. Keine Kreativität ohne diese Freiheit. Lasst 100 Blumen blühen ... „Politisch finden sich alle Weltanschauungen“, schrieb Oppenheimer 1924, „vom extremen Kommunismus bis zum extrem völkischen Bekenntnis, religiös alle möglichen Sekten. Also es ist nicht ein vorher geschaffener Gonsensus, der das Gedeihen bedingt, sondern die wirtschaftlich-soziale Grundlage, der genossenschaftliche Bodenbesitz, die Ausschaltung allen Schachers mit der Mutter Erde, die die erstaunlichen Erfolge gezeitigt hat.“ Gleiche Möglichkeiten der Selbstverwirklichung auch für die Frauen? Eden war offen für die „wirtschaftliche Verselbständigung der Frau“ und bot den Siedlerinnen die Möglichkeit, sich unabhängig vom Mann „auf der Scholle häuslich einzurichten und aus ihr den Lebensunterhalt zu bestreiten“, wie es im damaligen Programm geschrieben steht. Dieses Eden der Querdenker, Träumer und Utopisten ist 1933 untergegangen. Schon am 8. Mai des Jahres verkündeten Vorstand und Aufsichtsrat der Genossenschaft: „Eden sieht im Nationalsozialismus die Anerkennung seiner genossenschaftlichen Aufgaben durch den Staat und bejaht ihn deshalb voll und ganz. Damit ist Eden wirtschaftspolitisch gleichgeschaltet.“
Bei den Neuwahlen wurden erstmals zwei
Mitglieder der NSDAP in den Aufsichtsrat gewählt. Diese Hauptversammlung
bot „durchaus ein harmonisches Bild, von kleinen Zwischenfällen
abgesehen“. Der Widerstand in Eden war offensichtlich gering, jedenfalls
geringer als in den Berliner Arbeitervierteln. Hatte die Wirtschaftskrise
selbst hier, wo man doch das einfache, unabhängige Leben praktizierte, die
Ängste vor dem eigenen ökonomischen Bankrott so stark geschürt? Oder waren
die Berührungspunkte zwischen der Edener Esoterik und der Nazi-Rhetorik so
eng? Der Wunsch nach Leben im Einklang mit Mutter Erde und die Reden von
Blut und Boden, die Vision vom einfachen Leben in einer freiwilligen
Gemeinschaft und die Ideologie der gleichgeschalteten Volksgemeinschaft,
der Traum vom neuen Menschen und die Propaganda vom Herrenmenschen - zu
viele Edener konnten offenbar nicht mehr unterscheiden zwischen den
ursprünglichen Ideen und den äußerst raffinierten Verfälschungen. Oder
erst, als es zu spät war. Was offenbar hinzukam: Der große Traum vom Umbau
der Gesellschaft nach Edener Muster, von den Wurzeln her, hatte sich 40
Jahre lang nicht erfüllt. Selbst in der tiefsten Depression nach 1929
hatte niemand aus der alten politischen Elite, auch niemand aus den großen
Massenorganisationen der Arbeiterbewegung jemals ernsthaft Eden als Modell
für die Lösung der Krise in Erwägung gezogen. Selbst Oppenheimers
aufwendiger Versuch, ein paar Kilometer südlich, in der Domäne Bärenklau,
eine weitere kleine Siedlung zu gründen, war gescheitert. Es scheint, als
habe man 1933 in Eden auf den starken Staat und eine Revolution von oben
die letzte Hoffnung gesetzt. Vielleicht glaubte man hier, man könne den
Führer führen und die Nazis dazu bringen, dem Gedanken der Bodenreform,
Wirtschaftsreform, Lebensreform zum Durchbruch zu verhelfen. In dem Heft
der genossenschaftseigenen Edener Mitteilungen, das im Mai 1933 den
Vollzug der Gleichschaltung meldete, lese ich neben Zitaten von Hitler und
Mussolini ebenso hervorgehoben ein Wort von Albert Schweitzer: „Ethik ist
nichts anderes als ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles,
was lebt.“ Die fürchterliche Nachbarschaft von Kräutergärtlein und KZ - in
Oranienburg wurde sie nun greifbar. Am anderen Ende der Stadt bauten die
Nazis ab 1936 das KZ Sachsenhausen auf und später die Inspektion der KL,
die Zentrale des SS-Staates. Den Geruch aus den Schornsteinen des
Krematoriums, so erzählt mir Christine Groß, kannte jeder in der Stadt.
Und jeder wusste, dass die Musik aus den Lagerlautsprechern die Schreie
der gefolterten Häftlinge und die Schüsse der Exekutionskommandos
übertönen sollte.
26 Jahre hatte die Siedlung im
Kaiserreich existiert, 14 Jahre in der Weimarer Republik, zwölf Jahre im
Nazismus. Die DDR-Zeit dauerte 40 Jahre. „Eden hat viele Jahre lang in
einer Nische gelebt“, hatte mir Roland Bloeck gesagt. Die Genossenschaft
blieb nach 1945 erhalten, behielt ihren Bodenbesitz. Die Bodenreform, die
einmal in Eden angefangen hatte, war ja schließlich, wenn auch in anderen
Formen, Staatsziel geworden. Die Produktion von Säften und
Reform-Lebensmitteln wurde wieder aufgenommen. Der Betrieb war noch
selbständig, wenn auch in die staatliche Planwirtschaft eingebunden und
von deren Vorgaben abhängig. Familien gingen in den Westen. Auf deren
Heimstätten quartierte die kommunale Wohnungsverwaltung Neuansiedler ein.
Eine Umschichtung des Gemeinwesens, heute noch spürbar. Im Westen baute
man einen Tochterbetrieb auf: Die Eden-Waren GmbH im hessischen Bad Soden
arbeitete mit dem alten Warenzeichen, den alten Rezepturen, dem alten
Kundenstamm und florierte. Die Genossenschaft in Oranienburg blieb
Teilhaberin, bekam ihren Anteil an den Gewinnen auf ein Devisenkonto. In
die Nachbarschaft zog russisches Militär ein und baute einen riesigen
Hubschrauber-Flugplatz. Die alten Edener Naturfeste aus der Tradition der
Jugendbewegung lebten wieder auf. Die Heimatbühne wurde neu gegründet.
1972 wurde der bis dahin immer noch genossenschaftseigene
Obstverwertungsbetrieb verstaatlicht. Der Betrieb lief weiter, jetzt unter
der Regie des Obstbaukombinats Havelland in Werder bei Potsdam. 40 Jahre
DDR-Alltag in Eden: Existenz in einer Nische. Stagnation. Eine
Gratwanderung zwischen Bewahrung der inneren Autonomie, Anpassung an das
neue System, Engagement für die neue Ordnung, Verstrickung in deren
Machtapparat. Dann kam die Wende und kurz darauf die deutsche Vereinigung. “Wenn wir tiefer graben hier in Eden, stoßen wir auf hellen, sandigen, trockenen, nährstoffarmen Boden. So war die Heide hier früher beschaffen.“ Ein Vortrag im Edener Genossenschaftshaus. Etwa ein Dutzend Siedler sind gekommen. Petra Katharina Panthel, Obstbauberaterin der Genossenschaft, gibt praktische Hinweise für das Gärtnern ohne Pestizide und Herbizide. „Aber oben haben wir heute überall in den Gärten diese Schicht Humus. Viel dunkler und krümeliger und lockerer, weil die Humusstoffe das Erdreich stabiler machen und Feuchtigkeit speichern genau wie Tonminerale und mit der Zeit dem Boden die dunkle Farbe geben. Diese wiederum beschleunigt die Erwärmung des Bodens im Frühjahr, was natürlich die Aktivität der Bodenorganismen fördert. Mit der Zeit hat sich die Bodenstruktur hier eben verbessert. Den Zukauf von Dünger und Torf können wir uns sparen, indem wir den Kompost selber herstellen.“ Als Petra Katharina Panthel den Tageslichtprojektor ausgeschaltet und ihre Merkblätter mit den elf Regeln für einen guten Kompost verteilt hat, beginnt das Gespräch in der Gruppe.
Ein oder zweimal in der Woche hält Frau
Panthel im Schulungsraum oder draußen in den Gärten Kurse ab, gibt
fachliche Beratung, diskutiert in ihrer Arbeitsgruppe über den Obstbau.
Ein kleiner Schritt, um das Konzept der ökologischen Siedlung umzusetzen.
„Das ist alles an uns vorbeigegangen“, erzählen Jugendliche, die ich nach der Aufbruchstimmung von 1993/94 frage. Und die alte Eden-Idee? „Ich weiß gar nicht, was es mit den drei Bäumen auf sich hat“, sagt einer der Jungen, und ein Mädchen: „Dass hier eben Agrarland war, das bebaut werden sollte, dass man mehr oder weniger eine kleine Hütte haben sollte, und der Rest Land sollte bebaut werden, aber das kann heutzutage ja nicht mehr sein, weil die Eltern beide arbeiten. Die kommen abends von der Arbeit, sind kaputt und sollen dann noch irgendwas bepflanzen. Außerdem gibt's heutzutage alles in Büchsen und Konserven.“ Der Jugendtreff ist inzwischen wegen des ständigen Zoffs zwischen den Jugendlichen und den Anliegern geschlossen worden. Die „Umweltfüchse“ existieren auch nicht mehr. Die ABM-Stelle der Pädagogin, die diesen Kreis angeleitet hatte, ist ausgelaufen.
Wie viele strenge Vegetarier gibt es
heute in Eden? - Eine Handvoll, antwortet mir mit einer wegwerfenden
Handbewegung der alte Bienenzüchter und beginnt wortreich, die
„verbrecherische Gleichgültigkeit der Menschen gegen sich selbst“
anzuprangern. Das ist alles an Eden vorbeigegangen, dem Ort, wo alle, auch die scheinbar ganz neuen Einsichten über die Vorzüge pflanzlicher Nahrung seit 100 Jahren bekannt und in der genossenschaftseigenen Reformkost-Produktion umgesetzt worden sind? Vielleicht hat der alte Imker seine Erfahrungen etwas zugespitzt formuliert. Bei den Edener Festen jedenfalls, die ich miterlebt habe, gab es ein opulentes vegetarisches Büffet. Das war Beschluss der Genossenschaft. Die Arbeit leistet Andrea Heinze, die junge Inhaberin des Reformhauses, mit ihrem Kreis von Helferinnen und Helfern. Die 25jährige hat drei Jahre Ernährungswissenschaften studiert. Sie war in der Arbeitsgruppe „Gesunde Ernährung“ aktiv. Dort ist die Idee zur Gründung eines Ladens entstanden. Das neueröffnete Edener Reformhaus befindet sich im unteren Bereich der alten Mosterei, ist hell und freundlich, mit viel Holz und Farbe gestaltet, jünger, alternativer als die meisten Reformhäuser mit ihrem apothekenhaften Design. Andrea Heinzes erste Bilanz: „Das Reformhaus wird angenommen, kann man sagen, von einem Teil der Edener, vor allem von den älteren, die Reformhäuser von früher noch kennen, auch von Leuten aus Oranienburg und aus der weiteren Umgebung. Aber ob sich der Laden wirtschaftlich tragen kann, steht noch nicht fest, denn die Stolpersteine kommen noch, spätestens nach zwei Jahren.“ Was sie an Eden schätzt, erzählt mir Andrea Heinze am Schluss, im Konjunktiv: „Hier wäre ja wirklich eine Möglichkeit, ganz besonders zu leben, auch ganz bewusst anders als in der Stadt oder in anderen ländlichen Gegenden. Die könnte ja jeder für sich nutzen. Jeder hat hier relativ viel Fläche, um selber was anzubauen, sich selber eine natürliche, schöne Umgebung zu schaffen, sich einfach was ganz Individuelles herzurichten, um sich wohlzufühlen. Wo hat man noch soviel Freiraum?“ Zum Abendbrot bei Schurmanns auf der Terrasse. An einem warmen Frühsommerabend. Die Schurmanns sind ein kinderloses Ehepaar, beide um die 50, Neu-Edener, kurz nach der Wende aus West-Berlin zugezogen. Ende 1990 bekamen sie von der Genossenschaft einen Erbbauvertrag für eine 2800 Quadratmeter große Heimstätte. Während sie die Beete anlegten und ihr Fertighaus errichteten - in dieser Reihenfolge - wohnten sie im Zelt, fast ein Jahr lang, auch bei Frost. Das hat ihnen einen Vorschuss an Respekt seitens der Nachbarn eingetragen. Zur Begrüßung führen sie mich durch ihren Garten. Das ist Tradition in Eden. In der Mitte ein schilfumrandeter Gartenteich. Entlang des Zaunes die Gemüsebeete, an der Hecke nach hinten lagert in mehreren Kammern der Kompost, die „Seele des Gartens“. Vorn an der Terrasse ist eine Kräuterspirale angelegt. Mit einigen Erzeugnissen aus der Ernte dieser Tage ist der Tisch gedeckt. „Unser Leben hat sich sehr verändert“, beginnt Sabine Schurmann. Was vor allem? „Dass wir täglich mit Menschen zusammen sind, dass wir mitarbeiten an einer Sache, an dieser Genossenschaft, freiwillige Arbeit machen, sie gerne machen. Dass ich meinen Boden selbst bearbeite. Dass es hier viele Menschen gibt, die versuchen, wieder ein bisschen in die Natur zurückzukehren.“ Eden hat das Leben der Schurmanns stärker als ursprünglich geplant verändert. „Geldverdienen allein kann's nicht sein, da muss es noch irgend etwas anderes im Leben geben.“ Beide arbeiten nur noch halbtags, teilen sich ihren Job in Berlin. Die gewonnene Zeit und Energie investieren sie hier. Ein Lernprozess, in dem ein Kettenglied das andere nach sich gezogen hat: „Wenn ich erkenne, es geht mit der Umwelt nicht weiter, mit der Ernährung nicht, dann muss ich gucken, wo krieg' ich natürliche Lebensmittel her. Die kann ich am besten kontrollieren, indem ich sie selbst herstelle. Wenn ich das verstanden hab', dann fange ich an, meinen Garten zu machen, und sehe vielleicht, es ist sogar billiger, wenn ich es selber mache, also kann ich auch wieder irgendwo einsparen, und dann geh' ich halt nicht mehr soviel arbeiten.“ Stille ist eingekehrt, als ich mich verabschiede und auf den Weg durch die Siedlung mache. Zwischen den Linden des Festplatzes flattern Fledermäuse über den Himmel. Weiße Fliederblüten leuchten und duften aus dem Dunkeln. Von Ferne die Rufe von Fasanen, sogar der Gesang einer Nachtigall - Magie einer Sommernacht in Eden. Ob der alte Edener Geist, der so oft beschworen werde, noch einmal wiederkomme, hatte ich Anne-Susanne Mampel gefragt. „Also irgendein Geist, nehme ich an, wird schon wiederkommen“, hatte sie geantwortet. „Sicher nicht der alte Geist, aber ein Kind des alten Geistes vielleicht. Das hoff ich.“
Ulrich Grober: Ausstieg in die Zukunft. Eine Reise zu Ökosiedlungen, Energie-Werkstätten und Denkfabriken. - 283 Seiten - Ch. Links 1998 - ISBN 3-86153-159-3.
Ulrich Grobergeb. 1949; Studium der Germanistik und Anglistik in Frankfurt am Main und Bochum; freier Journalist und Publizist. Veröffentlichungen u.a.: Ausstieg in die Zukunft. Eine Reise zu Ökosiedlungen, Energie-Werkstätten und Denkfabriken, Berlin 1998; zahlreiche Radio-Sendungen, Dokumentationen, Essays, Vorträge auf den Themenfeldern: Kulturgeschichte & Zukunftsvisionen, Naturerfahrung & Nachhaltigkeit, Öko-Tourismus, Kunst des Wanderns.
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Eden
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